Fragen Selbstständigkeit, selbstständig machen

Die dunkle Seite eines Onlinebusiness

Ein Onlinebusiness zu haben, ist für viele von uns ein Traum: Arbeiten wo und wann man will, den Tag gestalten können, wie man möchte und dazu die Möglichkeit haben, für die Familie jederzeit da zu sein. Worüber jedoch selten geredet wird, ist die dunkle Seite, die ein Onlinebusiness hat.

Ein Online-Business verspricht vieles. Doch viele, die den Weg einschlagen, werden früher oder später enttäuscht. Schuld sind auch wir Selbstständigen selbst. Die erfolgreichen von uns, preisen die Geschäftsidee „Online-Business“ wie den heiligen Gral an, werben mit großartigen Floskeln, wie „schnell viel Geld verdienen“, „arbeiten, wann und wo man Lust hat“ und auch „ohne Probleme neue Kunden gewinnen“. Die weniger erfolgreichen verstummen und verschwinden irgendwann einfach von der Bildfläche.

Auch ich bin bei den unheimlichen Möglichkeiten und Versprechungen vor mehr als drei Jahren weich geworden. Heute sehe ich das alles (zum Glück) ein bisschen kritischer. Ich habe viele Blogs und Unternehmerinnen kommen und gehen sehen, einige sind an mir vorbeigezogen, andere haben durch den Druck aufgegeben. Ich habe selbst am eigenen Leib gespürt, was es heißt, Online-Unternehmerin zu sein, bin auf die Nase gefallen und wieder aufgestanden und habe vor allem eine Beobachtung gemacht:

Es gibt ein paar Details, die man unheimlich gerne als Gründerin ausblendet – durch die Euphorie, die Glückgefühle eine eierlegende Wollmilchsau entdeckt zu haben und die Lösung aller Probleme auf dem goldenen Tablett vor die Füße geschmissen zu bekommen. Weil ich nicht möchte, dass auch du die rosarote Brille aufsetzt und meine Fehler – oder besser gesagt – falsche Wahrnehmung mit dir herumträgst, kläre ich dich jetzt über die dunkle Seite eines Online-Businesses auf:

#1 Arbeiten wann und wo du willst, ist nicht

Natürlich besteht im Grundwesen die Möglichkeit, zu arbeiten, wann und wo du willst. Sprich, es gibt niemanden, der dir vorschreibt, um acht Uhr am Schreibtisch zu sitzen, so lange du Internet hast. ABER – und das ist der große Knackpunkt, der normalerweise verschwiegen wird – das gilt an sich nur dann, wenn du entweder noch keinen Erfolg hast, sprich, keine Kundentermine für Coachings, Kooperationen, Deadlines für Projekte etc. ODER du bereits so viel damit verdienst, dass du einen Teil der Arbeit auslagern kannst an eine Assistentin bzw. nur Produkte anbietest, die keinen großen Betreuungsaufwand haben (zum Beispiel Onlinekurse und eBooks).

Es ist zwar völlig wumpe, ob du für ein Projekt morgens um sieben, oder nachts um 23 Uhr am Rechner sitzt, aber du wirst auch bei einem Onlinebusiness Deadlines haben und nicht immer das tun können, wonach dir gerade der Sinn steht.

Übrigens: Was auch gerne vergessen wird, es gibt immer noch sehr viele Regionen auf der Welt, in der es keine gute Internetverbindung gibt. Sprich, je nachdem, wo du bist, kann es auch in 2019 noch sein, dass du mal ein paar Tage nicht erreichbar bist – und das weiß man nicht immer vorher…

#2 Du bist jederzeit erreichbar

Über deinen Webauftritt, deine Social-Media-Kanäle und per Email. Es ist nicht so, dass du gefühlt Feierabend hast, wenn du den Hammer fallen lässt. Du wirst auch dann Nachrichten bekommen, wenn du den Rechner zugeklappt hast. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass Menschen auf seltsame Weise erwarten, dass du auch direkt antwortest.

Auch wenn es simpel klingt: „Dann mache ich eben Öffnungszeiten und schreibe dann zurück, wenn es mir passt“ – in sehr vielen Fällen ist es ein weiter – sehr weiter – Weg bis zu diesem Punkt. Denn normalerweise freuen wir uns zu Beginn, wenn uns überhaupt jemand anschreibt und etwas von uns will und uns ist es egal, welche Uhrzeit aktuell ist, schließlich wollen wir niemanden verkraulen – meine Erfahrung.

#3 Feierabend, Urlaub, Abwesenheit – geht’s noch?

Eng verknüpft mit dem Eindruck, jederzeit erreichbar zu sein, geht auch das Gefühl, nie Feierabend, Urlaub oder auch mal nur kurz für ein paar Tage abwesend sein zu können. Ich habe am eigenen Leib gespürt, wie das ist. Wenn ich mal weniger präsent war, wurde ich direkt mit Newsletter-Abmeldungen und Entfolgungen bestraft.

Auch eine Beantwortung von Emails und Messenger-Nachrichten, die nicht umgehend oder gar am selben Tag geschieht, wurde schon mit patzigen Antworten kommentiert. Nach dem Motto: „Frau Chefin hat lieber den Bauch in die Sonne gestreckt, statt zu arbeiten. Sie muss doch rauslesen, dass meine Anfrage wahnsinnig dringend ist!“.

#4 Termine sind relativ

Das ist ein ganz wunder Punkt bei mir. Wenn ich einen Termin vereinbare, dann halte ich den ein – oder sage ihn im schlimmsten Fall ab. Der Trend geht jedoch leider in eine komplett andere Richtung: „Och, ich interessiere mich für das Angebot, dann mache ich doch mal einen Termin aus und wenn ich Bock habe, bin ich dann auch erreichbar„. Nein, kein Witz. Ich hatte schon zahlreiche Termine für Erstgespräche im Kalender stehen, habe eine Kinderbetreuung organisiert, meinen Tag danach geplant, zum Teil extra keinen Tonjob angenommen – und dann habe ich niemanden zur vereinbarten Zeit erreicht. Auch nicht bei einem zweiten Versuch oder per Mail.

Das ist einfach frech – oder anders gesagt – eine Unverschämtheit. Die Mentalität Termine einzuhalten ist im Onlinezeitalter meiner Erfahrung nach gewaltig gesunken. Schließlich gibt es zeitgleich noch zwanzig andere Dinge, die man machen kann. Dass auf der anderen Seite jedoch jemand sitzt – du – der den Tag danach geplant hat, sich auf das Gespräch vorbereitet hat und jetzt wie der Depp da sitzt, daran wird oftmals nicht gedacht.

#5 Bitte kostenlos!

Leider ist das so eine Unart, die das Internet mit sich bringt. Es gibt nicht nur unzählige Informationen, sondern auch wahnsinnig viele kostenlos. Umso unverschämter finden es viele Menschen, dass man so verrückt ist, auch noch für eine Leistung Geld zu nehmen. Wo gibt’s denn sowas?

Ich kann mittlerweile gar nicht mehr genau sagen, wie oft ich schon um einen Rat gefragt wurde und dafür kein Geld bekommen habe. Ich habe auch keines verlangt – zugegeben. Aber auf Dauer ist das natürlich nichts. Als Unternehmerin kannst du einfach nicht ständig und dazu natürlich auch noch regelmäßig genialen Content raushauen (weil das erwartet wird), sondern musst auch von etwas leben. Und dein Wissen und deine Ausbildung sollten sich auch in mehr als „nur“ ein Dankeschön niederschlagen.

Auch wenn es echt nicht leicht ist und die Haltung nach wie vor ist, dass man kostenlos konsumieren will und sobald etwas Geld kostet, man kein Interesse mehr daran hat – halte unbedingt an deiner Idee fest und lasse dich nicht erschüttern!

#6 Gemeckert wird schnell

Dein Artikel ist doof? Deine Meinung total daneben? Das Grün nicht perfekt? Deine Themen langweilig? Andere Artikel wieder zu provokant? Willkommen in meiner Welt.

Es gibt Zeiten, da hat man als Bloggerin und Online-Unternehmerin das Gefühl, einfach alles, wirklich ALLES falsch zu machen. Wagt man etwas Neues, wird gemeckert, bleibt man beim Alten, auch. Fakt ist, du kannst es nie allen recht machen. Es gibt immer jemanden, der meckert. Leider habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass – wenn es zu viel wird und man gerade sowieso mit seinem eigenen Ego kämpft – das dem demolierten Törtchen die Krone aufsetzt.

Im Internet ist es deutlich leichter zu meckern, weil das in der Regel schriftlich passiert und dazu viele Meckerer noch nicht einmal ihren richtigen Namen, sondern eher was wie Pappnase0815 verwenden. Es wird also anonym gemeckert, was natürlich tausend Mal einfacher ist, als wenn man jemandem direkt ins Gesicht meckert. Ich weiß, wie schwierig es ist, da standhaft zu bleiben, aber es ist trotzdem wichtig, dass du dir ehrliche Kritik zu Herzen nimmst und die Meckerer, die ohne Hintergrundwissen drauf los wettern, ignorierst.

#7 Der Markt ist riesig

Die Onlinelandschaft ist riesig und damit auch das Angebot. Zu jeder Lösung gibt es direkt zig Anbieter, die um die Kunden buhlen. Es ist also bereits echt schwierig, überhaupt erstmal Aufmerksamkeit zu bekommen. Auch, wenn oft anderes versprochen wird. Bekanntheit aufzubauen, Menschen auf dich aufmerksam zu machen und letztendlich Vertrauen aufzubauen, damit Interessierte auch zu Kunden werden, das dauert. Das geht definitiv nicht über Nacht. Du brauchst also einen langen Atem – manchmal einen sehr langen.

Und Achtung: Die Konkurrenz schläft nicht. So wie du vermutlich ihre Seite genau inspizierst, werden auch sie deine Seite im Detail zerpflücken – vor allem dann, wenn dein Business läuft. Du stehst unter ständiger Beobachtung und Nachahmer gibt es schneller, als dir lieb sein wird…

Zu guter Letzt:

Ich möchte dich nicht demotivieren. Ich möchte dir nur mit diesem Artikel zeigen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt und es auch bei einem Onlinebusiness die ein oder andere Sache geben kann, die dir sauer aufstoßen wird. Wenn du dir derer bewusst bist – umso besser. Wenn du jetzt mit weit aufgerissenen Augen dasitzt und dir überlegst, ob das wirklich das Richtige für dich ist – mache dir Gedanken, aber bedenke auch, was deine Ziele und Wünsche sind 🙂

Welche Erfahrungen hast du gemacht? Und welche Punkte sind dir neu?

About the author
Hallo, ich bin Isabelle! Bloggerin, Unternehmerin, Mama und der kreative Kopf hinter Frau Chefin. Vor mehr als zwölf Jahren habe ich angefangen, mich intensiv mit dem Thema „Zeitmanagement“ zu beschäftigen und tüftelte daraufhin meine eigene Form der Zeitplanung aus: die Frau-Chefin-Methode. Heute unterstütze ich selbstständige Frauen dabei, ihre Zeit mit Leichtigkeit zu planen, ihre Produktivität anzukurbeln und ihren Alltag so zu strukturieren, dass sie ihre Zeit optimal nutzen können.

11 Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel, in so vielen Punkten habe ich mich zu meinen Anfangsjahren wieder erkannt. Aber ich konnte mir quasi aussuchen an welchen 16! Stunden am Tag ich arbeite. Und natürlich auch wo vorausgesetzt der 800 kilo schwere Drucker steht daneben. 😅 Aber wenn der Knoten mal offen ist dann ist es toll. ☺️

  2. Also zu Punkt 4 kann ich nur sagen: Lass die Leute, die ein Gespräch mit dir vereinbaren, vorab ein paar Fragen beantworten. Damit siebst du von vorne herein die Leute aus, die ohnehin nicht bei dir gebucht hätten. Denn genau die haben nämlich auch keine Lust, diese Fragen zu beantworten und disqualifizieren sich damit selbst. Und die, die diese Fragen beantworten, tauchen dann auch in 99% der Fälle zum Gespräch auf oder sagen zumindest vorher noch ab, falls ihnen was dazwischen kommt.

    Und von den anderen Dingen kann man sich mit der Zeit immer besser befreien. Klar kränkt mich ein negativer Kommentar im ersten Moment immer. Inzwischen überwinde ich diese Kränkung aber meist wieder recht schnell. Und erreichbar bin ich eigentlich nie die ganze Zeit und rechtfertige das auch nicht. Ich antworte dann, wenn ich antworte. Und wenn es jemandem zu lange dauert, ist es eben nicht mein Kunde!

    1. Hallo Claire,

      deinen Tipp greife ich sehr gerne auf! Danke dir!
      Erreichbar bin ich auch nicht die ganze Zeit – und schon gar nicht, wenn ich außer Haus arbeite. Der Schritt, dass ich mich nicht mehr rechtfertige, hat allerdings ziemlich lange gedauert. Dabei ist das an sich total Banane 😉

      Viele liebe Grüße
      Isabelle

  3. Danke für diesen ehrlichen Artikel! Sehr erfrischend mal was Anderes zu lesen als all die Werbung der „Profis“, die einem suggerieren wollen Onlinebusiness sei ein Selbstläufer. Und es fehle halt noch das entscheidende Wissen, wenn man noch nicht erfolgreich sei in seinem Onlinebusiness. Dieses Wissen wollen sie einem dann natürlich teuer verkaufen… Das ist moderne Wegelagerei!

    1. Ja, und für viele ein Geschäftsmodell, das leider aufgeht…

      Aufklären, sagen wie es wirlich ist, auch über unschöne Seiten schreiben, das ist mir wichtig. Umso schöner, dass der Artikel so gut ankommt!

      Viele liebe Grüße
      Isabelle

  4. Toll geschrieben. Ich mag deine Ausdrucksweise sehr 🙂 ich überlege schon lange einen kleinen Blog (eher erstmal für mich) zu starten und es hilft sehr über die Schattenseiten aufgeklärt zu werden – das bunte, schöne, oberflächliche Internet macht es leicht naiv auf Erfolg und keinen Stress zu hoffen.
    Danke!

  5. Ein sehr wahrer, schöner Artikel. Ein Onlinebusiness ist kein Selbstläufer und gerade am Anfang gilt es, unglaublich viel zu lernen – und einen Kundenstamm aufzubauen.

    Und das mit den Kunden, die gerne über ein falsches Grün meckern und einfach nie zufrieden sind, kenne ich auch nur zu gut 🙂

    Leider verkaufen echt viele „Gurus“ sich daran dumm und dämlich, die Illusion zu vermitteln, ein Onlinebusiness sei einfach, wenn man nur IHR GROSSES, EINZIGARTIGES Geheimnis kennt – das man natürlich teuer bezahlen muss.

    Dieses Geheimnis gibt es nicht. Ein Onlinebusiness ist ebenso wie jedes andere Business als Selbständiger: Verdammt viel Arbeit.

    Lasst uns alle gemeinsam als Online Unternehmerinnen ehrlich diese Tatsache verbreiten🙂

    Ich mag deine Schreibweise sehr! Ehrlich, erfrischend, offen!

    1. Danke, Charlotte!

      „Lasst uns alle gemeinsam als Online Unternehmerinnen ehrlich diese Tatsache verbreiten🙂“
      Ich bin dabei!

      Viele liebe Grüße
      Isabelle

  6. Oh ja, den langen Atem braucht man wirklich!

    Und es ist wichtig, nach zähen Projekten oder ernüchternden Wochen/Monaten wieder euphorisch und motiviert an die Sache ranzugehen.
    Ich selbst habe nun beschlossen, wieder die Beine in die Hand zu nehmen und mein Blog aufleben zu lassen, um dem Ganzen mehr Schwung zu verleihen. Dafür habe ich mir ein – wie ich hoffe – SMARTes Ziel gesetzt.

    Den langen Atem brauche ich nach wie vor.

    DANKE für diesen ehrlichen Artikel.

    1. Hallo Petra,

      oh ja, einen langen Atem brauchen wir Selbstständigen. Was für viele jedoch bei einem „Offlinebusiness“ klar ist, merken einige bei einem Onlinebusiness erst deutlich später. Smarte Ziele sind super! Mein Motto: Es darf in kleinen Schritten vorwärts gehen, Hauptsache es geht voran 😉

      Ich drücke dir die Daumen bei deinem Blogprojekt!
      Isabelle

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