Alltag als Selbstständige

Wohnung mieten als Selbstständige? No way!

Es ist hart. Es ist ungerecht. Und es ist absolut nicht gerechtfertigt, dass es Selbstständigen so schwer gemacht wird, eine Wohnung zu bekommen. Und dennoch ist es tagtäglich Realität: Wohnung mieten als Selbstständige? Ein Martyrium und nahezu unschaffbar!

Als wir eine Wohnung gesucht haben, waren wir mehr als sechs Monate auf der Suche. Über 35 Objekte haben wir uns angesehen. Unzählige Stunden sind mit Suche, Anschreiben, Fahrtzeiten und Besichtigungen drauf gegangen. Resultat gleich Null.

Es klingt erstmal hart. Es ist deprimierend. Und wir sind heilfroh, dass wir weder aus einer Wohnung zu einem bestimmten Datum ausziehen mussten, noch in eine komplett andere Stadt umziehen wollten. Und dennoch: Die Suche nach einer bezahlbaren, strategisch gut liegenden Wohnung, die auch noch gefällt, schien eine Lebensaufgabe zu sein. Nicht etwa, weil wir unglaublich wählerisch waren, sondern weil es schon viel zu oft an dem kleinen Wörtchen „Selbstständigkeit“ gescheitert ist.

Eine Tatsache, die weder mir, noch meinem damaligen Noch-nicht-Mann absolut überhaupt nicht in den Sinn kam. Dass der Wohnungsmarkt allgemein ein schwieriges Thema in unserer Region ist, wussten wir. Dass wir Geduld brauchen würden, ebenfalls. Aber dass es letztendlich nicht am Geld, sondern vor allem am Berufsstand scheitern würde, war für uns der Augenöffner – und vorallem der Faustschlag direkt ins Gesicht.

„Sie wollen die Wohnung mieten als Selbstständige? Nur mit Festanstellung!“

Ich kann dir sagen, man erlebt so einiges, wenn man auf Wohnungssuche ist. Nicht nur, dass man in Anzeigen liest „renoviert“ und dann plötzlich in einem Sanierungsobjekt steht, von einer ruhigen Nachbarschaft die Rede ist und man mit lauter Technomusik begrüßt wird und sich Wohnungen mit Tageslichtbad als Duschzelle in der Küche entpuppen. Nein. Man wird zum Teil als Selbstständige behandelt, als ob man ein Assi wäre – sorry für die Wortwahl. Aber es trifft den Nagel ziemlich gut auf den Kopf.

Als Selbstständige rutscht man in den Köpfen der Vermieter direkt in eine Schublade, auf der ein rotes Alarmzeichen blinkt. Man wird abgestempelt – und das absolut zu Unrecht meiner Meinung nach.

Ein Beispiel aus den letzten Wochen:

Frau A. hat ein festes, aber geringes Einkommen und kann die Wohnung gerade einmal zahlen, ohne sich irgendwelchen Luxus gönnen zu können. Sie hat eine Katze, was den Vermieter nicht so freut und spielt Saxofon, was die anderen Mieter nicht freuen wird.

„Statistisch gesehen wird man als Selbstständige mit Arbeitslosen und Studenten in eine Schublade gesteckt.“

Frau S. ist selbstständig, hat somit kein geregeltes, aber ein deutlich besseres Einkommen als Frau A., hat keine Tiere und ist eine ruhige Mieterin. Trotzdem bekommt Frau A. die Wohnung. Warum?

Eine gute Frage. Statistisch gesehen wird man als Selbstständige mit Arbeitslosen und Studenten in eine Schublade gesteckt (Quelle: ‚Immobilienscout24‚). Wobei? Moment! Menschen, die Hartz V bekommen, haben es leichter, schließlich bekommt der Vermieter die Kohle direkt vom Amt.

Bei Selbstständigen heißt es dann: Man wüsste ja nie, wie die Auftragslage sei. Auch Rücklagen interessieren den Vermieter wenig. Auf meine Anmerkung hin, dass man auch bei einer Angestellten nicht weiß, ob sie in drei Monaten noch einen Job hat und dass heutzutage auch Festanstellungen nicht heißen, dass man sicher sei, werden fadenscheinige Ausreden an Land gezogen, die man lieber im Raum stehen lässt, bevor man sich aus Frust gleich noch mit dem potentiellen Vermieter prügelt.

„Sie wollen die Wohnung mieten als Selbstständige? Nur, wenn Sie den 10-seitigen Fragebogen ausfüllen!“

Nein, das ist kein Witz. Glaub mir, alles, was im Zusammenhang mit einer Wohnungssuche steht, bringt mich definitiv nicht zum Lachen. Kurz: Tolle Wohnung gefunden, angeschrieben, schnell eine Antwort bekommen – und ich stand kurz vorm Tobsuchtsanfall. Die Fragen, die wir beantworten sollten, waren – wie ich finde – einfach unverschämt. Kurzer Auszug:

Warum suchen Sie eine Wohnung? – Weil wir nicht unter einer Brücke schlafen wollen.
Warum ziehen Sie aus ihrer jetzigen Wohnung aus? – Das geht Sie gar nichts an!
Wo haben Sie in den letzten Jahren gewohnt? – Nach jahrelangem Mietnomadendasein, wurden wir es leid und sind für drei Jahre ins Wohnmobil geflüchtet. Hoch verschuldet suchen wir jetzt eine Wohnung, um eine repräsentative Bleibe für unsere Dealerfreunde zu haben…

Die Wohnung hatte sich natürlich erledigt. Das könnte allerdings auch an meinen (leicht übertriebenen) Antworten gelegen haben… Zumindest hatte ich für ein paar Minuten meinen Spaß beim Beantworten.

Doch so weit kommt es in den meisten Fällen nicht mal. In der Regel wird man als Selbstständige schon bei der Bewerbung aussortiert und erhält Antworten, wie:

  • Wir haben ausreichend Bewerber
  • Danke, aber an Selbstständige vermieten wir nicht
  • Besichtigung ist nur am Freitag um 18 Uhr möglich. Tolle Sache, wenn man da einen Job hat…

Nachdem also die meisten Bewerbungen an einem der gerade genannten Gründe bereits scheiterten, ist es natürlich umso erfreulicher, wenn man nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder die Chance bekommt, sich eine Wohnung anzuschauen. Die erste Hürde scheint dann geschafft zu sein. Doch leider ist das in der Regel erst der Anfang. Denn auch mein gewählter Traumberuf birgt einige Hürden bei der Wohnungssuche, wie sich in zahllosen Gesprächen mit potentiellen Vermietern gezeigt hat.

„Sie wollen die Wohnung mieten als Selbstständige? Kann man denn davon leben?“

Man glaubt es kaum, aber wir Selbstständigen leben nicht von Luft und Liebe, sondern wie alle anderen auch davon, Geld zu haben. Und nur, weil wir unseren Beruf lieben und mit Leidenschaft ausüben, heißt das nicht, dass wir nur für die Anerkennung arbeiten. Und nein, Selbstständigkeit ist auch kein anderes Wort für „ernstgemeintes Hobby„.

Eine weitere Hürde war leider auch die Art des Berufes, den man sich als Selbstständige aussucht. Wenn ich angab, dass ich selbstständig bin mit einer Online-Agentur (was im Grunde in gewisser Weise stimmte), dann hieß es: „Oh, dann sind Sie den ganzen Tag zuhause? Arbeiten Sie dann auch wirklich? Dann haben Sie bestimmt auch Laufkundschaft! Das wollen wir hier nicht!“. Wenn ich mich als Tontechnikerin präsentierte, sah das so aus:

Was machen Sie beruflich?
Ich bin selbstständig als Tontechnikerin (stolz strahl).
Aha. Dann wird’s aber laut in der Wohnung! (Entsetzter Blick).
Nein, ich hatte nicht vor, eine Beschallungsanlage in die Wohnung zu bauen.
(große Augen. Nach einer unangenehmen Pause wird mein Noch-nicht-Ehemann gefragt:)
Und was machen Sie?
Ich arbeite am Theater (strahlt ebenfalls stolz).
Um Gotteswillen, einen Schauspieler will ich nicht im Haus haben!

Nein, er ist kein Schauspieler. Am Theater gibt’s auch noch andere Berufe. Natürlich war die Wohnung damit auch aus dem Rennen.

Hier unsere Top 4 unter den Gründen für eine Wohnungsabsage:

  • Wir vermieten nicht an Selbstständige!
  • Also Ihr Beruf… Da wird’s bestimmt laut!
  • Eigentlich suchen wir ein älteres Paar…
  • Oh, wollen Sie Kinder? Kindergeschrei will ich nicht im Haus haben!

Fakt ist leider, dass die Nachfrage heutzutage so hoch ist, dass sich Vermieter ihre Mieter aussuchen können. Und da ziehen wir als Selbstständige oftmals den Kürzeren. Oder meistens. Seitdem ich diesen Artikel veröffentlicht habe, erreichen mich fast wöchentlich Emails, in denen mir Selbstständige ihr Leid klagen.

Wohnung mieten als SelbstständigeSie erzählen davon, dass sie jetzt bei Freunden auf der Couch schlafen, weil sie keine Wohnung finden, andere haben aus purer Verzweiflung irgendwann wieder eine Festanstellung angenommen, oder sind bei ihren Eltern eingezogen. Eine junge Frau erzählte mir, dass sie als Alleinerziehende und Selbstständige irgendwann so verzweifelt war, dass sie aufs Arbeitsamt gegangen ist und sich arbeitslos meldete, damit sie überhaupt eine Chance bekommen hat, eine Wohnung zu bekommen und nicht in wenigen Wochen mit Kind und Kegel auf der Straße sitzt. Was sind das bitte für Zustände???

Nicht nur die Mieten explodierten in den vergangenen 10 Jahren so enorm, dass heutzutage ein Einkommen überhaupt nicht mehr zum Leben reicht (als Durchschnittsverdiener), nein, auch die Nachfrage ist so hoch, dass man bei jeder Wohnungsbesichtigung sich vorkommt, wie auf dem Viehmarkt (50-200 Bewerber auf eine Wohnung). Und dann muss man sich als Selbstständiger auch noch gegen Studenten, Arbeitslose und Festangestellte durchsetzen.

Die große Frage, die sich mir irgendwann stellte, war, mit was man wohl als Selbstständige punkten kann? Mit der letzten Einkommensteuererklärung? Mit einem Nachweis, dass man seit Jahren erfolgreich damit ist? Mit einer Auszeichnung, dass man problemlos auf eigenen Beinen steht?

Irgendwann war ich es leid und entwickelte einen neuen Plan:

Ich habe alle Bewerbungen nur noch unter dem Namen meines Noch-nicht-Mannes verschickt (ein Mann wird nämlich leider bei der Wohnungssuche ernster genommen, als eine Frau) und habe dort „Angestellter im öffentlichen Dienst“ eingetragen (muss ja nicht direkt klar werden, dass er am Theater arbeitet). Außerdem klingt das furchtbar bodenständig. Ich habe selbstverständlich auch nicht das Wort „Tontechnikerin“ erwähnt, sondern mich als Online-Unternehmerin ausgegeben (das Wort „Unternehmerin“ klingt nämlich wahnsinnig erfolgreicher und wichtiger als „Selbstständige“). Dazu habe ich immer brav betont. dass wir ruhige, kinderlose, tierlose Nichtraucher sind.

Dadurch haben wir tatsächlich plötzlich die Chance bekommen, uns Wohnungen ansehen zu dürfen. Letztendlich haben wir unsere Traumwohnung aber ganz ohne Tricks gefunden, mit tollen Vermietern, die ebenfalls aus dem Theaterbereich kommen. Absoluter Zufall und Glücksgriff! Und definitiv nicht die Norm.

Ich frage mich allerdings immer noch: Was macht man als Selbstständige, wenn man keinen Mann in Festanstellung hat, der in den Augen der Vermieter der „Ernährer“ ist und „die Frau mit durchbringt“ und ihm seine Miete sichert? Was gibt es dann für Lösungen, die vielleicht nicht nur mit Glück und viel geduld zu tun haben?

About the author
Hallo, ich bin Isabelle! Bloggerin, Unternehmerin, Mama und der kreative Kopf hinter Frau Chefin. Vor mehr als zwölf Jahren habe ich angefangen, mich intensiv mit dem Thema „Zeitmanagement“ zu beschäftigen und tüftelte daraufhin meine eigene Form der Zeitplanung aus: die Frau-Chefin-Methode. Heute unterstütze ich selbstständige Frauen dabei, ihre Zeit mit Leichtigkeit zu planen, ihre Produktivität anzukurbeln und ihren Alltag so zu strukturieren, dass sie ihre Zeit optimal nutzen können.

7 Kommentare

  1. Liebe Frau Chefin,
    danke für den coolen Blogeintrag. Ich bin ebenfalls selbstständig (Journalistin) und seit einer Trennung muss ich wieder bei meinen Eltern wohnen, da ich keine Wohnung finde. Hat der Trick denn gewirkt? Ich befürchte, dass ich, falls ich je wieder eine bezahlbare Bleibe finden sollte, meine Mutter die Miete bezahlen muss – natürlich nur pro Forma. Wenn ich nicht bald wieder was finde, hat sich das auch mit meiner Arbeit erledigt, zwecks Pendelei. 🙁 Naja, positiv denken! lg Nia

    1. Hallo Nia,

      gewirkt hat der Trick zwar bei manchen Marklern, dennoch haben wir zum Schluss eine Wohnung gefunden, die nicht über einen Makler lief und da waren wir ganz ehrlich – und haben gewonnen 🙂

      Liebe Grüße und viel Erfolg bei deiner Suche!
      Isabelle

  2. Ich bin auch selbstständig und habe einfach ein Wohnung Inserat (gratis!) aufgegeben, also ich habe eine Wohnung gesucht und nicht Immobilieninserate gelesen. Das hat keine drei Wochen gedauert und es haben sich zwei Leute bei mir gemeldet, die ihre Wohnung dringend loswerden wollten (Familienzuwachs glaube ich).

  3. Liebe Blogautorin,

    meine Frau und ich sind ebenfalls beide selbstständig und vermieten eine Wohnung.

    Wie würden Sie sich absichern, wenn Sie eine Wohnung zu vermieten hätten? Schließlich hätten sie eine große Menge Geld investiert und das letzte was sie möchten, ist jemand der mittelfristig aufhört seine Miete zu bezahlen oder sehr unregelmäßig bezahlt. Selbstverständlich kann man als Vermieter dann eine Kündigung aussprechen, aber das kostet Zeit und nerven. Ja – eine Investition ist ein Risiko, aber man möchte dieses natürlich so gering wie möglich halten.

    Übrigens, ein Bewerber für unsere Wohnung ist selbständig, war vor 6 Jahre insolvent und beteuert, dass jetzt alles wieder besser ist. Dazu hat er einen Gerichtsbeschluss aus dem Insolvenzverfahren, dass er niemandem mehr etwas schuldet. Welche Fragen sollte ich diesem Selbständigen stellen? Achja.. von Beruf ist er Geisterheiler……

    Liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.