Andrea Ritter Ernteausfall

Im Portrait: Andrea Ritter – Unternehmensberaterin und Autorin

Andrea Ritter ist Mutter von drei erwachsenen Töchtern, lebt im Allgäu, ist Unternehmensberaterin und Begleiterin für Menschen, die den Mut haben, ihre eigene Persönlichkeit und sich selbst besser kennenzulernen. Als Autorin hat sie vor wenigen Wochen ihr Buch „Ernteausfall – Verliebt. Vertraut.“ auf den Markt gebracht, das ein Weckruf für Frauen sein soll, die im turbulenten Alltag sich selbst und ihre Absicherung für das Alter vergessen. Wenn sie nicht arbeitet, findet man sie beim Golfen, Segeln, Skifahren, Lesen, „Bildung genießen“ und auch mal einfach nur beim Entspannen. Im Portrait erzählt sie von schwierigen Zeiten und der besten Entscheidung ihres Lebens.

Liebe Andrea, wie kam es dazu, dass du dich selbstständig gemacht hast? Was war ausschlaggebend für deine Entscheidung?

Da ich in einem Unternehmen groß geworden bin und immer die Freiheit hatte, ein selbstständiges Leben leben zu dürfen, kam und kommt für mich aktuell gar nichts anderes in Frage. Und das obwohl ich die „schlechten Seiten“ der Selbstständigkeit genauestens kenne. Also nie wirklich Feierabend zu haben und immer für die Kunden da zu sein. Trotzdem verbinde ich die eigene Selbstständigkeit immer mit Freiheit, Eigenverantwortung und eigenen Entscheidungen, was ich als sehr positiv wahrnehme.

Ich habe als junge Frau mehr oder weniger in ein Unternehmen hinein geheiratet. Es war eine spannende und wunderbare Zeit in meinem Leben, um 1990 in ein Unternehmen zu kommen, das ich formen durfte. Ich konnte mit dem Unternehmen wachsen, durfte alle Erfahrungen schnell, direkt und unmittelbar lernen und TUN, was unglaublich lehrreich und oft aufregend war. Dieses Leben und auch das Unternehmen habe ich bis Anfang 2014 geführt.

All meine Berufs-und Lebenserfahrung ist geprägt von genau dieser Zeit, ein Unternehmen erfolgreich zu machen. Zum Beispiel vor ganz tiefen Tälern oder sogar der Insolvenz zu stehen. Von einem kleinen Team von 6-8 Mitarbeitern ein Unternehmen zu 30 Mitarbeitern zu formen, den Umsatz in 7-stellige Bereiche zu bewegen und neue Unternehmen aus dem eigentlichen Unternehmen heraus zu gründen.

Wie hast du den Start in dein eigenes Business finanziert?

Puh, als Kind habe ich es bei meinem Vater mitbekommen. Die Finanzierung war ein ganz schön schwieriger Akt. In meinem „ersten Leben“ gab es das Thema Finanzierung für mich nicht großartig. Quasi eingeheiratet in das Unternehmen ging es direkt los, es musste keine Startfinanzierung gefunden werden, da das Unternehmen bereits seit vielen Jahren bestanden hat. Aber auch aus dieser Zeit weiß ich, wie gut Ideen an Banken verkauft werden müssen, um eine Bankfinanzierung zu bekommen.

Im „zweiten Leben“, nachdem ich verlassen wurde und auch keinen Platz mehr im Unternehmen hatte, hatte ich nahezu nichts an finanziellen Mitteln. Ich konnte gerade mal meine Lebensversicherungen ausbezahlen lassen und davon meine Ausbildungen als zertifizierter Business Coach und Consultant für die Selbstständigkeit finanzieren.

Danach bin ich zu einem Bildungsträger gegangen, um für relativ wenig Gehalt wenigstens meine Miete und mein Auto zu finanzieren und mich parallel „nebenzu“ selbstständig machen zu können. Immer in dem eigenen Vertrauen: es wird alles gut. Auch ohne Hilfe einer Bank, der Arbeitsagentur und ohne irgendwelche Förderungen. Heute würde ich das vielleicht anders angehen, damals wollte ich alles unbedingt allein und ohne Hilfe schaffen.

Andrea Ritter

Was macht dich und dein Business besonders?

Ich bin per se ein wenig „verrückt“ und unkoventionell, passe für viele Menschen gar nicht zu meinem Alter. Ich war für meine Kinder damals schon eine Mutter, die überhaupt nicht zur damaligen Zeit ins Frauenbild passte. Junge, erfolgreiche Chefin eines Unternehmens, die eine Haushälterin und Nanny zuhause hatte, um Vollzeit arbeiten zu können.

Und heute? Ich bin ich, authentisch und einmalig, habe eine ermutigende und unterstützende Art und nehme Menschen in ihrer einmaligen Persönlichkeit wahr. In meiner Selbstständigkeit möchte ich meine besonderen Lebenserfahrungen und Erlebnisse mit anderen Menschen teilen, egal ob als Unternehmenscoach, Coach für Privatpersonen, Autorin oder was auch immer. Ich bin mir sicher, dass ich mit meinen Erfahrungen ganz viele Menschen, vielleicht besonders Frauen, begleiten kann. All das macht mein Business aus. Einfach ICH als eigenständige Persönlichkeit, die anderen Menschen eine Hand reicht, und sich freut, wenn sie genommen wird.

Wie läuft es jetzt? Haben sich deine Erwartungen erfüllt? Und finanziell?

Gestartet habe ich mit meinem eigenen Unternehmen im April 2016. Heute läuft es für eine One Woman Show ganz okay – das behauptet auch mein Steuerberater. Meine Erwartungen haben sich noch nicht erfüllt, liegt aber auch einfach daran, dass diese sehr hoch sind. Ich arbeite sehr viel, habe viel zu tun in verschiedensten Bereichen und Projekten meines Business. Ich habe ein Buch geschrieben, arbeite bereits an der nächsten Buchidee und mache immer noch einige Ausbildungen. Meine Erwartungen an mich selbst sind überdurchschnittlich hoch, ich erfülle jedoch keine Erwartungen mehr nach außen. Das ist mir sehr wichtig.

Ich kann von meinem Business leben, finanziell darf es natürlich noch besser werden. Vor allem da ich bislang keinerlei Altersvorsorge habe, was mit meinem ersten Leben zusammenhängt und wovon mein Buch „Ernteausfall“ handelt. Deshalb muss ich jetzt finanziell, gerade in Sachen Altersvorsorge, auf jeden Fall angreifen. Ich arbeite daran, meine Erwartungen erstmal zu erreichen und weiterhin in dieser Freiheit arbeiten zu können, wie sie mir die Selbstständigkeit bietet. Ich mache das alles, weil es mich erfüllt, weil ich gerne andere Menschen an meiner Erfahrung teilhaben lassen möchte und weil das letztendlich mein Leben ist – so wie ich es gerne haben möchte.

Andrea Ritter
Andrea Ritter stellt ihr Buch „Ernteausfall“ auf der Leipziger Buchmesse vor.

Wo arbeitest du und wie sieht ein Arbeitstag bei dir aus?

Ich arbeite zum einen nach Auftrag bei Bildungsträgern in den Bereichen Bewerbercoaching, Berufsorientierung und Bewerbungstrainings. Ich stelle Berufe vor im Bereich Handel, Vertrieb, Wirtschaft, Logistik, etc. Da bin ich unterschiedlich beschäftigt, in der Regel 1-4 Tage die Woche und habe dabei viel mit Menschen zu tun, die es schwer auf dem Arbeitsmarkt haben.

Da das noch nicht allzu viel mit meiner sonstigen Arbeit zu tun hat, stehe ich meist sehr früh auf. Neben meiner Arbeit bei Bildungsträgern habe ich natürlich noch mein ganz eigenes Business, wo ich mit meinen Klienten arbeite. So kann es gut mal vorkommen, dass ich an einem Tag das Pensum von zwei Arbeitstagen absolviere. Dabei wechsle ich den Arbeitsort meist zwischen meinem Büro und vor Ort bei meinen Klienten, z.B. in deren Unternehmen.

Ansonsten besuche ich viele Vorträge, bin auf Verbandstreffen zum Netzwerken oder schreibe beispielsweise an einem neuen Buch. In der Regel arbeite ich fünf Tage die Woche voll durch und erledige auch an Wochenenden einige Dinge wie Büroarbeit. Gefühlt arbeite ich „rund um die Uhr“, außer ich bin im Urlaub oder gönne mir sonst eine von wenigen Pausen – da schalte ich dann wirklich mal komplett ab. Da ich liebe, was ich tue, verschwimmt aber auch der Unterschied zwischen Arbeit und Privatleben sehr stark.

Solltest du Kinder haben: Wie schaffst du es deine Selbstständig und Familie unter einen Hut zu bekommen?

1990 bekam ich mein erstes Kind und war dabei schon selbstständig. Es war eine riesige Herausforderung für mich und hätte ich damals schon gewusst, was alles auf mich zukommt, weiß ich gar nicht, ob ich noch zwei weitere Kinder gewollt hätte. Aber ich liebe meine Kinder über alles und es war definitiv die richtige Entscheidung.

Kinder und Selbständigkeit lassen sich vereinbaren, das weiß ich heute. Zur damaligen Zeit war es sehr unüblich, sich als Frau trotz Kind(er) für die Selbstständigkeit zu entscheiden. Von der Betitelung als Rabenmutter bis was weiß ich alles, habe ich alles hinter mir. Der Spagat zwischen Mutter, Unternehmerin, Partnerin, Haushalt, Gesellschaft war so extrem – ich weiß heute gar nicht mehr, wie ich das alles geschafft habe – zumal zwei meiner Kinder in der Kindheit schwer krank waren.

Ich hatte aber irgendwie immer sehr viel Spaß an allem, was ich getan habe und war immer sehr gut strukturiert. Außerdem hatte ich damals einen Partner an meiner Seite, den Vater meiner Kinder, der alles mitgetragen und geteilt hat. Ihm war wichtig, dass ich mit im Unternehmen bin, es mitgestalte und natürlich auch mitarbeite.

Ich hatte aber, wie eingangs schon beschrieben, immer Hilfe im Haushalt und mit den Kindern, um mich auch auf das Unternehmen konzentrieren zu können. Gleichzeitig war ich aber immer erreichbar für meine Kinder, ich glaube das war für beide Seiten einer der tragendsten Aspekte. Meine Kinder haben es, so glaube ich, auch nicht als negativ empfunden. Das ist heute auch noch so. Da kann sein was will, ich könnte in einem Meeting mit dem Bundespräsidenten sitzen, wenn meine Kinder anrufen und meine Hilfe brauchen, bin ich sofort da. Auch wenn es sich vielleicht nicht so anhört, sie hatten und haben immer erste Priorität in meinem Leben. Jetzt, wo meine Kinder erwachsen sind und ich nicht mehr wie früher tätig bin, hat sich das in Sachen Selbstständigkeit und Familie etwas beruhigt.

Andrea Ritter Ernteausfall

Welche Eigenschaften sollte deiner Meinung nach eine Person haben, die selbstständig ist, oder sich selbstständig machen möchte?

Zum einen sollte die Unternehmerin den großen Wunsch haben, ihre Erfahrungen, ihr Können, und ihr Wissen an andere Menschen weiterzugeben. Egal in welcher Form. Im Kern geht es darum, anderen Menschen mit der eigenen Arbeit einen echten Mehrwert bieten zu können. Das heißt ein Coach oder Berater sollte für seinen Klienten einen Lösungsweg aufzeigen können, für den sich derjenige entscheidet.

Außerdem ist sicherlich eine hohe Eigenmotivation sehr wichtig, egal ob es läuft oder nicht. Es bedarf einer tiefen inneren Entscheidung, ob man sein eigener Herr sein möchte oder nicht. Und ein klarer Plan sollte ebenfalls vorhanden sein.

Mit meinem heutigen Wissen und meiner Erfahrung helfen viele Dinge bei der eigenen Selbstständigkeit, vieles davon kommt aber auch erst dann, während man sich auf dem Weg dorthin befindet. Die Entscheidung, es für sich selbst zu tun, eine hohe Eigenverantwortung entwickeln, hohes Durchhaltevermögen zu beweisen und die eigene Professionalität zu zeigen, ist die Basis für ein gutes Gelingen.

Ein guter Steuerberater hilft ebenfalls. Eine Idee ist auch auf das Knowhow von Leuten, die den Weg vielleicht schon gegangen sind, zurückzugreifen. Ein breites Netzwerk mit verschiedensten Leuten und ein Partner, der bereit ist, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Es ist einfach wichtig, sich die Unterstützung oder den freien Rücken zu holen.

Was motiviert dich, immer weiter zu machen, auch wenn es mal Tiefs gibt?

Ich mit meinen fast 50 Jahren werde wohl kaum noch eingestellt, sollte ich mich auf Jobsuche begeben. Das ist sicherlich schon mal eine gewisse Motivation, die hilft. Für mich ist es wichtig, mir selbst in den Hintern treten zu können, mich selbst hochziehen zu können. Tiefs gibt es natürlich immer, aber meist kommt man stärker aus einem Tief heraus, wenn man bereit ist, die eine bestimmte Erfahrung zu machen und auch mal mit Beharrlichkeit dran bleibt.

An sich selbst glauben ist sehr wichtig. Außerdem ist es mir immer eine Hilfe, jemanden zu haben, an den ich mich wenden kann. Egal ob Partner, Familie, Freunde oder gar professionelle Hilfe, wie ich sie zum Teil auch anbiete. Mich treibt vor allem die Freiheit an, die ich in der Selbstständigkeit erlebe, anders könnte ich es wahrscheinlich gar nicht.

Wenn du auf deine Selbstständigkeit zurückschaust. Was würdest du heute anders machen?

Wenn ich mein „altes Leben“ betrachte, so hätte ich im Nachhinein nicht in ein Unternehmen eingeheiratet und dort als Unternehmerin gearbeitet, sondern hätte vielleicht doch eher das Unternehmen meines Vaters übernommen, das dann mir gehört hätte. Auf jeden Fall würde ich heute darauf achten, dass mir in dem Unternehmen, das ich mit einem Partner führe, ein gewisser Anteil, z.B. 50%, vertraglich gehört.

Klare Verträge und eindeutige, auch vermögensdetaillierte Strukturen hätten für mich heute meine Priorität. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Heute möchte ich sagen: Lass dich nicht von Liebe leiten und schau dir alles genau an. Mein Tipp zu diesem Thema: Eigenverantwortlich umgehen mit Zeit und Vermögen. Kümmere dich darum was ist, wenn du krank oder alt bist.

Das alles sind Leitsprüche, an denen ich mich mehr orientieren würde. Ich habe mein Buch „Ernteausfall“ letztendlich genau wegen dieses Themas geschrieben, es geht darum, dass Frau in ihre absolute Eigenverantwortung geht. In meinem Buch habe ich viele dieser Punkte verarbeitet, sodass andere Frauen oder manchmal auch Männer nicht dieselben Fehler machen müssen.

Andrea Ritter Ernteausfall

 

Was möchtest du anderen Gründerinnen und selbstständigen Frauen gerne mit auf den Weg geben?

Genau das, was ich in der Frage zuvor und auch bei den anderen Fragen wiedergegeben habe. Schau, was dir Spaß macht, wo Du glücklich bist und mach genau das. Genau das macht am Ende des Tages den Riesen-Unterschied, den andere Menschen bzw. deine Kunden spüren werden.

Schau außerdem zuerst auf dich! Ich habe eine eigene Vorstellung zum Thema Egoismus. Für mich ist es egoistisch, anderen Menschen für meinen Vorteil etwas wegzunehmen oder über Leichen zu gehen. Für mich ist es aber nicht egoistisch, zuerst mich selbst nach vorne zu stellen. Denn, wenn es mir gut geht, geht es auch den anderen gut.

Wir Frauen denken oft, dass nach außen alle anderen zuerst bedient werden müssen, bevor wir nach uns selbst schauen. Ich selbst weiß heute, dass es wichtig ist als Frau – Mutter – Unternehmerin, zuerst mich nach vorne zu stellen. Deshalb schau zuerst nach Dir, deiner Person und deiner Idee. Das ist nicht egoistisch, sondern zielführend für deine Zufriedenheit und deinen Erfolg. Einfach ein Stück gesunder Egoismus. Denn wenn es dir gut geht, profitieren die anderen auch von deinem Glück.


Neugierig geworden? Mehr zu Andrea Ritter, ihrem Businesses und ihrem Buch findest du hier:

Webseite und Facebookseite von Andrea Ritter.
Ihr Buch „Ernteausfall“ findest du auf der Buch-Webseite, bei Amazon und im Verlagsshop.

About the author
Hallo, ich bin Isabelle! Ich helfe Frauen, organisiert und selbstbewusst selbstständig zu sein. Seit Oktober 2014 bin ich als Vollzeit-Selbstständige und seit mehr als neun Jahren als Audio- und Videotechnikerin unterwegs. Januar 2016 gründete ich meinen Business-Blog "Frau Chefin". Dort findest du über 150 Artikel zu den Themen Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein und Selbstorganisation.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.