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Warum ich „verkaufe dich nicht unter Wert!“ nicht mehr hören kann

Von Zeit zu Zeit gibt es immer wieder wahre „verkaufe dich nicht unter Wert“ Wellen, bei denen vor allem im Internet angeprangert wird, dass man als Frau wissen solle, was man sich selbst wert ist und man sich das doch bitte mal bewusst machen und danach auch bitte seine Preise ausrichten soll. Ganz ehrlich? Ich kann dieses „verkaufe dich nicht unter Wert“ nicht mehr hören!

Immer wieder verfolge ich in den sozialen Medien Beiträge, die sich um die Themen „Wert“ und „Stundensatz“ drehen. Auch in der Frau-Chefin-Facebook-Gruppe wird in regelmäßigen Abständen eine Frage zu diesen Themen gestellt. Das Resultat? Es wird immer nur gesagt, man solle sich nicht unter Wert verkaufen, statt dass konkrete Zahlen genannt werden!

Die Fragenden sind am Ende so schlau wie davor und haben oftmals einfach nur das Gefühl, die Deppen zu sein, die ihr Business nicht im Griff haben. Erst vor wenigen Tagen kam eine solche Frage auch unter Bloggern: „Wie viel kann ich mit x Seitenaufrufen bei einer Kooperation verlangen?“. An sich eine simple Frage. Nach mehr als 20 herumdrucksenden Kommentaren, die allesamt eigentlich nur Zeitverschwendung waren, hat dann eine (!) mal eine Zahl genannt. Und dann ging eine wahre Welle der Empörung los!

„Bist du denn total bekloppt, dass du für so wenig Geld arbeitest?“

Was die arme Dame erntete war nicht etwa Beifall, weil sie die einzige Frau war, die die gestellte Frage konkret beantwortet hatte. Nein, sie löste eine regelrechte Welle der Empörung aus und musste sich am Ende anhören, dass sie sich unter Wert verkaufen würde. Ich bin in die Bresche gesprungen, weil mich dieses – sorry – Geschwätz echt aufgeregt hat und wurde daraufhin auch direkt an den Pfahl gestellt.

Die Quintessenz dieser eigentlich total nett gemeinten Frage, auf die eine einfach Antwort ausgereicht hätte? Wir sind alle so schlau wie davor, weil einfach keiner bereit ist, zu sagen, welcher Stundensatz angemessen ist.

Auch Unternehmerinnen-Gurus sind kein Stück besser

Es gibt sie da draußen, die wahnsinnig erfolgreichen Frauen, bei denen eine Coachingstunde ein Vermögen kostet und man am Ende einen fünfstelligen Betrag ausgegeben hat, mit der Hoffnung und dem Wunsch, auch mal so wahnsinnig erfolgreich zu sein. In der Regel geben diese Frauen ihren Preis selten auf der Internetseite öffentlich zur Schau. Erst nach einer ernstgemeinten Anfrage lassen sie dann die Bombe platzen. Was wir dann immer noch nicht wissen, ist, wieviel Zeit sie tatsächlich bei ihrem Coaching investieren und wie dann ihr Stundensatz aussieht.

„Es gibt sie da draußen, die wahnsinnig erfolgreichen Frauen, bei denen eine Coachingstunde ein Vermögen kostet.“

Was wir aber immer wieder von diesen erfolgreichen Frauen zu hören bekommen, ist dieses Larifari-Gefasel von „verkaufe dich nicht unter Wert“. Klar, das können sie auch gut sagen, schließlich machen sie Umsätze, von denen die Meisten von uns einfach nur träumen können. Was aber auch sie uns nicht sagen, ist, wieviel sie tatsächlich pro Stunde verdienen und wie sie kalkulieren. Das wird nämlich schön im geheimen Kämmerchen unter Verschluss gehalten.

Tatsache ist doch, dass es für uns als Selbstständige weder einen Mindeststundensatz gibt, der für alle Branchen rechtlich geregelt ist, noch gibt es irgendwelche Tabellen, in denen Berufe aufgelistet sind und daneben steht, was der übliche Stundensatz als Selbstständige ist. (Anmerkung: Ich habe das Internet durchwühlt und keine solche Tabelle gefunden. Sollte ich mich irren, freue ich mich über einen Hinweis. Was ich gefunden habe, ist das und das).

„Verkaufe dich nicht unter Wert“ ist wie mit der Faust direkt ins Gesicht geschlagen.

Alle, die sich gerade selbstständig machen, oder gemacht haben, wird diese eine große Frage im Kopf herumschwirren: „Wieviel kann ich für meine Leistung verlangen?“. Als Tontechnikerin hat sich für mich die Frage zu Beginn auch gestellt, wurde aber durch marktübliche Preise in der Region, die mir meine Kollegen nannten, schnell beantwortet. Beim Bloggen oder Online-Marketing ist das schon wieder eine ganz andere Sache. Da hat mir leider niemand gesagt, was denn so üblich ist. Ich musste es selbst herausfinden, testen und auf die Nase fallen.

verkaufe dich nicht unter WertFakt ist selbstverständlich, dass sich diese einfache Frage leider nicht einfach beantworten lässt. Denn meiner Meinung nach gehören einige weitere Faktoren dazu, die wir bei der Kalkulation einbeziehen sollten. Neben den üblichen Verdächtigen „Versicherungen“ und „Miete“ gehören – wie ich finde – auch Dinge dazu, wie Ausbildung, Wissen, Erfahrung. Ich bin auch der Ansicht, dass eine Hauptschülerin, die eine Ausbildung gemacht hat, diesen Beruf seit zehn Jahren ausübt und extrem gut in dem ist, was sie tut, mehr verdienen sollte, als jemand, der studiert hat, aber einfach seinen Job nicht beherrscht.

Was sich aber einfach beantworten lässt, ist, wie der eigene Preis aussieht und wie er sich zusammensetzt.

Und jede, die sagt „verkaufe dich nicht unter Wert“ gibt der Fragenden bewusst oder unbewusst einen Faustschlag ins Gesicht. Warum? Weil sie vermittelt, dass sie sich bereits unter Wert verkauft und eigentlich es gar nicht würdig ist, in dem erlesenen Kreis der Selbstständigen mitzumischen. Schließlich sind wir hier etwas Besseres. *Ironie Ende*

Der Preis ist auch Ansichtssache

Es ist doch nicht nur so, dass es Unterschiede gibt in dem, was wir können und gelernt haben und auch in dem, was wir monatlich an Umsatz machen müssen, um überhaupt unsere Selbstständigkeit am Laufen zu halten. Es gibt wahnsinnig große Unterschiede in Branchenvergleichen und Berufsgruppen. Jede von uns weiß, dass Anwältinnen gut und auch mehr verdienen, als eine Musikwissenschaftlerin. Und das, obwohl sie beide lange studiert haben und sehr viel Geld für ihr Studium ausgegeben haben. Dennoch ist die Bezahlung unterschiedlich. So ist es auch bei uns Selbstständigen.

„Es gibt Unterschiede in dem, was wir können und gelernt haben und auch in dem, was wir monatlich an Umsatz machen müssen.“

Coaches sprießen wie Pilze aus dem Boden und verlangen zum Teil als Beginner einen Stundensatz, bei dem ich nur mit den Ohren schlackern kann. Alles scheint irgendwie seine Rechtfertigung zu haben, aber ich persönlich würde keiner Person, die gerade erst anfängt als Coach zu arbeiten und vielleicht ein paar Jahre Berufserfahrung als Marketingangestellte hat, horrende Summen zahlen. Es kann sein, dass ich der Ein oder Anderen damit Unrecht tue, aber es muss nun mal auch in einer Relation für mich stehen.

Vor wenigen Wochen habe ich zum Beispiel eine Anfrage gesendet, dass ich kurzfristig Unterstützung bei meinen Social-Media-Kanälen brauche. Nicht, weil ich es selbst nicht kann, sondern weil mir ganz einfach die Zeit fehlt. Es ging um eine Aufgabe, die wirklich sehr stupide ist, aber mich einfach viel Zeit kostet, die ich für andere Dinge benötige. Die Angebote strömten nur so in mein Postfach. Der durchschnittliche Stundensatz, der mir von den Frauen angeboten wurde lag bei 35€.

Jetzt stellt sich die Frage: Warum. Und hier sind wir wieder bei der Ansichtssache. Wenn ich in meinen Tonjobs 25€ pro Stunde verdiene, sind für mich 35€ pro Stunde sehr viel Geld. Vor allem für eine Sache, die wirklich weder eine besondere Qualifikation, noch Einarbeitungszeit oder großes Fachwissen bedarf. Bei Dingen, die ich selbst nicht kann und wirkliches Expertenkönnen gefragt ist, wäre das auch wieder anders. Würde ich jetzt aber pro Stunde 70€ verdienen, wäre das für mich eine lohnenswerte Investition, da ich mir nicht nur die Zeit spare, sondern in dieser auch das Doppelte verdiene, während ich bei den 25€ pro Stunde ein Minusgeschäft mache bzw. drauflege. Ich spare mir lediglich die Zeit.

Es gibt eine Sache, die uns niemand verrät

Was übrigens all die Selbstständigen, die damit rumprahlen, das verdienen zu können, was sie in ihren Augen wert sind, nicht sagen, ist, mit welchem Preis sie selbst angefangen haben! Das wird nämlich genauso gerne verschwiegen. Und ich würde meinen Hintern verwetten, dass auch sie am Anfang unsicher waren und mit einem deutlich niedrigeren Preis gestartet sind, als den, den sie in ihren Augen wert sind.

Und was bei der ganzen Sache auch gerne verschwiegen wird, ist, wie sie denn im allgemeinen Vergleich da stehen. Könnte doch sein, dass sie sich selbst 90€ pro Stunde wert sind, aber der Preis der „Konkurrentinnen“ bei 100 oder 120€ liegt. Und was passiert dann? Dann haben sie sich selbst unter Wert verkauft und sind sich auf einen Schlag auch ihren Wohlfühlpreis nicht mehr wert!

Vom „verdiene was du wert bist“ zum „Wohlfühlpreis“

Meiner Meinung nach sollte man als Selbstständige und Unternehmerin natürlich nicht so billig sein, dass man den Marktpreis ins bodenlose drückt, oder einfach nicht wirtschaftlich arbeitet und davon nicht leben kann. Das wäre nicht Sinn der Sache.

verkaufe dich nicht unter WertWelche Freiheit wir aber haben sollten, ist die Möglichkeit, einen Wohlfühlpreis zu verlangen. Und der ist bei jedem anders. Ein Beispiel: Als ich noch Single war, bei meinen Eltern wohnte, kein eigenes Auto hatte und meine Ausgaben überschaubar waren, war ich mit 25€ pro Stunde absolut zufrieden und konnte damit sogar noch Geld auf die Seite legen. Jetzt, über drei Jahre später habe ich ein Kind, ein Haus abzubezahlen, ein eigenes Auto, mehr Erfahrung und Wissen und möchte auch dementsprechend bezahlt werden. Mein Wohlfühlpreis liegt jetzt bei 70€ pro Stunde.

Als Tontechnikerin kann ich diesen Stundensatz abhaken, den bekomme ich hier nirgends gezahlt. (Vom Thema Unterbezahlung, Marktpreise will ich jetzt nicht anfangen. Darüber habe ich schon hier und hier und hier geschrieben). Als Online-Unternehmerin ist er schon realistisch, wobei ich ja leider nach wie vor nicht weiß, ob ich damit unter, über oder genau im Durchschnitt liege.

Vielleicht fällst du jetzt fast rückwärts vom Stuhl und denkst „Frau Chefin ist größenwahnsinnig, das ist doch viel zu viel!“ oder du denkst „Mannomann, die Frau verkauft sich voll unter ihrem Wert und sowas nennt sich Unternehmerin!“. Du kannst mir deine Meinung gerne als Kommentar hinterlassen…

Mehr Transparenz würde uns allen helfen

Es ist doch nur dann möglich, den Marktpreis nicht zu drücken und allgemein den Kunden zu vermitteln, dass wir unseren Preis wert sind, wenn wir wissen, was der allgemein übliche Durchschnitt in unserer Branche und für unsere Dienstleistung ist.

Wenn wir wissen wollen, was wir als Basis-Stundensatz verlangen können, sollten wir ALLE bereit sein, mehr Transparenz zu zeigen. Ich verstehe wirklich nicht, was daran so schwierig ist, seinen Preis zu nennen. Schließlich machen wir das doch auch den (potentiellen) Kunden gegenüber. Warum dann nicht auch gegenüber Unternehmerinnen? Es würde uns allen helfen! Nicht nur denen, die gerade starten und noch keine Anhaltspunkte haben, als auch denen, die schon lange dabei sind, aber ihren Preis noch nicht angepasst haben, wie auch denen, die mit ihrem Preis super dastehen und sie die Bestätigung bekommen.

Lasst uns gemeinsam den Anfang machen und ein Zeichen setzen! Wie kalkulierst du deinen Preis und wo liegt dieser?

About the author
Hallo, ich bin Isabelle! Bloggerin, Unternehmerin, Mama und der kreative Kopf hinter Frau Chefin. Vor mehr als zwölf Jahren habe ich angefangen, mich intensiv mit dem Thema „Zeitmanagement“ zu beschäftigen und tüftelte daraufhin meine eigene Form der Zeitplanung aus: die Frau-Chefin-Methode. Heute unterstütze ich selbstständige Frauen dabei, ihre Zeit mit Leichtigkeit zu planen, ihre Produktivität anzukurbeln und ihren Alltag so zu strukturieren, dass sie ihre Zeit optimal nutzen können.

24 Kommentare

  1. Um Mal in Zahlen zu sprechen: Als IT-Sonstwas-Fuzzi verlangt meine Noch-Chefin für mich 800€ Tagessatz (8 Stunden), zzgl. Mehrwertsteuer. Auch wenn ich nur einen Anfänger-Vortrag für Benutzer von irgend einem Online-Dingsda halte. Ich kenne Tontechniker, die bekommen 375€ Tagessatz (10 Stunden) zzgl. Mehrwertsteuer, je nach Kunde und halt mit Meisterbrief und so. Ich kenne meinen Stundenlohn als IT-Sonstwas-Fuzzi und ich kenne den meines Mitbewohners, der als studierter Pädagoge in der Kinderbetreuung arbeitet. Wer mehr Verantwortung für Menschen trägt, ist klar.

    Kurzum, Preise hängen von so vielen Faktoren ab. Am wenigsten vom eigenen Wert. Meine Tontechnik-Kunden ziehen mich dem Meisterkollegen vor, weil es bei mir besser klingt (sagen sie). Aber ich darf dafür bestimmte Jobs auch nicht machen, weil ich ja keinen Zettel habe, wo drauf steht, dass ich ein Starkstromkabel einstecken darf. 😉 Es ist eine große Falle, seinen Wert am Einkommen pro Stunde festzumachen. Das kann eigentlich nur zu Minderwertigkeitsgefühlen führen.

  2. Hallo liebe Isabell,
    Sehr interessanter Artikel… und du hast recht. Unter Textern geht es regelmäßig ab, wenn es um Stundensätze geht und da werden immer und gerne Stundensätze vorgegeben. Und dann geht der Streit los…. egal, was einer sagt, es gibt zig, die sagen, das ist zu viel oder zu wenig. Ich kann dich da also beruhigen. Es gibt sowieso Streit. Und auch immer das Argument „nicht unter Wert verkaufen“. In der Realität haben die Kollegen aber eben schon länger einen Stundensatz, mit dem sie ganz persönlich gut klarkommen. Das können 20, 30, 70, 100 und mehr € pro h. Sein. Es kommt darauf an, wie du schon sagst, in welcher privaten Situation man ist, in welcher Wohngegend man wohnt etc. pepe… Natürlich gibt es diverse Listen und Orientierungen im Web, was ein Freelancer pro h nehmen sollte, aber ist weiterhin die Frage, ob man für den Preis dann regelmäßig gebucht wird oder ob man 5 Tage rumhängt und 2 Tage arbeitet. Dann lohnt sich nämlich der geringere Stundensatz wieder mehr.
    Bei uns Textern kommt hinzu: Wir sind meist in der KSK und haben daher nicht so hohe Krankenkassenbeiträge. Im Grunde müsste man dann auch nicht so einen hohen Stundensatz nehmen wie beispielsweise du als Tontechnikerin. Trotzdem sagt man unter Werbetextern auch, es geht erst ab 70 € los mit dem Verdienen.
    Im Schnitt arbeitet die große Masse aber anscheinend weit drunter, eher wie in deinem Fall mit den Social-Media-Leuten so für 35 €. Bei uns kann man das sogar in etwa einsehen oder ausrechnen, weil die KSK jährlich Statistiken rausgibt, was ihre Mitglieder so verdienen.
    Also lange Rede, kurzer Sinn… ärgere dich nicht, weil niemand seien Preise nennt, bei den Textern werden die Preise genannt,, die Diskussionen und Streitigkeiten udn Shit-Storms sind die selben, Egal, welcher Preis genannt wird. Man muss den Preis einfach für sich selbst herausfinden und festlegen.

    1. Da stimme ich dir zu! Solange es keine gesetzliche Regelung gibt, werden die Streitereien bleiben 😉 Wichtig ist, dass man sich selbst mit seinem Preis wohl fühlt. Und das ist nunmal für jeden anders.

  3. Super Artikel! Ich teile deine Ansicht und bin auch total genervt davon, dass Frauen es nicht schaffen entspannt und transparent miteinander umzugehen. Diese Geheimniskrämerei und oft auch Stutenbissigkeit geht mir gehörig auf die Nerven, damit machen sich alle das Leben gegenseitig schwer. „Über Gehalt spricht man nicht.“ war immer schon der dümmste Satz ever. Danke für deinen ehrlichen und offenen Artikel!

    1. Das ist ja bei Männern nicht anders, außer sie haben das Gefühl, dass das Gehalt zum Prahlen taugt.

      Hier gibt es eine Datenbank für Leute, die es anders machen wollen: http://www.mediafon.net/empfehlungen_honorar_fragebogen.php3

      Da sieht man dann zumindest, dass mindestens ein Tontechniker ungünstige Deals mit großen Rundfunkanstalten hatte. Wobei die Datenbank wohl leider sehr wenig genutzt wird, die meisten Einträge sind schon ziemlich alt.

  4. Ganz toller Beitrag. Genau das denke ich mir schon so lange, nur habe ich es bisher nicht in Worte fassen können 🙂
    Ich bin ja sogar der Meinung dass es ok sogar was umsonst zu machen wenn man entweder ein hochwertiges Produkt unbedingt haben möchte oder man dadurch an Reichweite gewinnen kann. Denn wenn man ganz am Anfang steht, muss man erstmal „den Fuß reinkriegen“ – ist das denn so schlimm??

    Liebe Grüße, Mandy von http://www.braids.life

  5. Im Grunde lässt es sich recht einfach berechnen. Hier ein guter Link dazu (nicht von mir): https://kontist.com/posts/freelancer-stundensatz-berechnen
    Endergebnis hier: Verlangt mindestens 60 Euro die Stunde! Nach Branche, Kunde und eigener Erfahrung gerne mehr, aber niemals weniger. Aus dem einfachen Grund, dass ihr sonst verarmt, besonders im Alter.

    Als FreiberuflerIn macht man oft den Fehler, sich zu sehr nach unten zu orientieren und das Monatsgehalt, das man vielleicht vorher schon einmal als Festangestellte/r verdient hat, durch 160 (4×40 Stunden) zu teilen. Das ist aber zu wenig, weil ihr arbeitsfreie Zeiten, Urlaub, notwendige Kreativpausen, Krankheitstage, Altersvorsorge (!) mit einrechnen müsst. Orientiert euch nach oben! Erfahrungsgemäß sind es übrigens die Kunden, mit denen die Zusammenarbeit am meisten Spaß macht, die kein Problem damit haben, mehr zu zahlen und nicht um jedes Details feilschen wollen.

    Ich bin in der recht komfortablen Situation, dass ich einen festen Kunden habe, für den ich pauschal für einen guten Monatsbetrag dauerhaft arbeite (wenn ihr die Chance auf so etwas habt: ergreift sie!). Für alle Texter-Aufträge darüber hinaus verlange ich derzeit 100 Euro die Stunde. Manchmal mehr (vor allem wenn der Kunde aus dem süddeutschen Raum oder der Schweiz kommt, wo mehr Geld zur Verfügung steht). Manchmal auch etwas (!) weniger, wenn es z.B. für einen Bekannten ist, von dem ich weiß, dass er ein großes Kontingent abnimmt und pünktlich zahlt. Oder gelegentlich für einen niedrigeren Stundensatz einen journalistischen Auftrag bei einer großen Plattform, wenn es dem Selbstmarketing dient.

    Wenn mich einer auf deutlich weniger herunterhandeln will, sage ich: nö. Und wenn ein guter Freund einen Auftrag von mir möchte, sage ich klipp und klar: „Gerne, aber nur dass du es weißt: ich bin teuer.“

    Und keine Sorge: Ich habe als Berufsanfänger auch schon mal für 15 Euro pro Text gearbeitet oder einem geldgeilen Unternehmen für 15 Euro einen ganzen Wikipedia-Artikel erstellt, was sie selbst nicht hingekriegt haben (ich Idiot ;)). Einfach weil ich keine Ahnung hatte, wie viel ich wert bin oder verlangen kann. Auch aus schlechter Erfahrung lernt man, aber wenn ihr das hier lest: überspringt diese Phase und verlangt von Anfang an genug! 😉

    Übrigens höre ich gerade von freiberuflichen Frauen oft, dass sie sich nicht trauen, „zu viel Geld“ zu verlangen, weil sie nicht alles perfekt können oder Angst haben, nicht gut genug zu sein. Doch, seid ihr! Ich habe in meinem Bereich fast ausnahmslos gute Erfahrungen mit Frauen gesammelt und kann daher mit Fug und Recht behaupten: Frauen waren keinen Deut schlechter als Männer, gehörten fast immer zu den Besten, und nur weil sie nicht alles perfekt können (können Männer auch nicht!), ist das kein Grund, weniger zu verlangen.

    Viel Glück!

    1. Hallo Jürgen,

      vielen Dank, dass du als Mann es uns Frauen mal sagst – und ja, ich stimme dir zu. Frauen haben tatsächlich oftmals das Problem, sich selbst weniger zuzutrauen, als sie eigentlich können.
      Dennoch ist es echt ermüdend, ständig zu diskutieren. Ich habe schon mehrere Kunden verloren, weil ich so entsetzlich dreist war, 40€ pro Stunde zu verlangen und auch, dass ich Fahrtkosten abrechne, was ja eine absolute Unverschämtheit ist 😉 Von 25€ kann man nicht leben und ans Alter darf man da gar nicht denken. Aber was soll man machen, wenn das niemand bezahlt? Gar nicht arbeiten? Oder das mitnehmen, was geht?

      1. „Ich habe schon mehrere Kunden verloren, weil ich so entsetzlich dreist war, 40€ pro Stunde zu verlangen…“

        Solche Kunden braucht kein Mensch. Aber da gibt es leider genug von. Kunden, die dich am liebsten auf 8 Euro die Stunde runterhandeln wollen, von 40 geleisteten Stunden aber nur 20 bezahlen, noch wochenlang Nacharbeiten fordern und dir trotzdem noch einreden wollen, du hättest schlampig gearbeitet. Da wäre Nichtarbeiten günstiger.

        Ja, ist leichter gesagt als getan. Aber ich bin hier mal ein bisschen optimistisch und sage: Wie so oft auch in anderen Lebensbereichen siegt man am Ende mit Selbstbewusstsein (manchmal auch mit Dreistheit, aber langfristig nie mit Unverschämtheit). Zeig den 30-Euro-Kunden den Finger und setz bei 100 Euro an oder fang aus Spaß mal bei 200 Euro an zu verhandeln. Rechtfertige dich nicht dafür, sag: das ist dein Preis und fertig, aber strahle (zum Beispiel durch Corporate Identity) aus, dass du das Geld wert bist. Dann suchst du dir wahrscheinlich von selbst andere, potentere Kunden aus und irgendwann wirst du jemanden finden, mit dem du dir da einig wirst.

      2. Eine Anekdote noch (sorry, ich hab wohl gerade meinen Gesprächigen, aber danach höre ich auch auf):

        Ein Kunde wollte mal ein Angebot von mir über etwa hundert Texte zu einem Themenbereich. Hätte ich nie alleine stemmen können, habe deswegen zusammen mit einem befreundeten Texter gearbeitet, der sich zum Glück ein bisschen auskannte. Es ging nun daran, ein Angebot abzugeben. Und völlig unerfahren, wie ich war, wollte ich erst 10 Euro pro Text vorschlagen. Mein Kollege: „Nein, viel zu wenig, wir müssen 100 Euro pro Text nehmen!“ Er hat mir vorgerechnet wieso und ich habe es im Kopf nachvollziehen können, aber Bauchgefühl war: Das ist doch ein Wucher, so viel ist das nie im Leben wert, die hauen uns das Angebot gleich um die Ohren und werden nie wieder was bei mir beauftragen!

        Wir haben das Angebot dann mit 100 Euro pro Text abgegeben (für einen Text haben wir im Schnitt 1h gebraucht) und zwei Stunden später kam die Antwort vom Kunden: „Klasse, super, machen wir so. Vielen Dank für das tolle Angebot!“ Es stellte sich raus, dass die bis dahin alles von einer Agentur haben machen lassen, mit der sie unzufrieden waren und die noch einmal viel, viel teurer gewesen wäre. Das hat mir die Augen geöffnet: Im Agenturgeschäft fließen viel höhere Summen und als Einzel- oder Kleinbetrieb kann man oft gut dagegen halten, manchmal selbst mit 100 Euro die Stunde. 🙂

    2. Es gibt halt auch noch einen Markt. So doof das ist. Wenn niemand 40€/h zahlen kann, bekommt man sie auch nicht. Das ist das eine. Das andere: Wenn es zu viele gute Leute für 25€/h machen, dann auch nicht. Oder wenn Qualität keine Rolle spielt, und das tut sie oft in der Tontechnik nicht. „Hauptsache es kommt was raus“, das reicht vielen.

      Ich verfolge daher einen anderen Ansatz: Ich habe ziemlich viel in Material investiert und verleihe das zusammen mit meiner Leistung. Das lohnt sich insbesondere bei „Kleinteilen“, da diese mich selbst im Verleih überdurchschnittlich viel kosten würde (z.B. schnöde Standard-Sprach und Gesangs-Mikrofone). Zusätzlich habe quasi ich einen Haus- und Hof-Lieferanten, bei dem ich Rabatte bekomme im Verleih. Und dann gibt es noch so ein paar andere hoffentlich schlaue Ideen, wie ich mehr aus Aufträgen rausholen kann… 🙂

      Dennoch ist es noch weit davon weg, dass es zum Leben reicht. Es wird spannend, denn meinen Brotjob habe ich letzte Woche gekündigt. Dort hatte ich unter anderem als Redakteur gearbeitet, aber weil ich den Leuten zu penibel war und das Zeit gekostet hat, wurde das wegrationalisiert und alles geht nun unredigiert raus. Die 100€ pro Text sind nett… wenn man genug Anfragen hat. Mit dem Laden würdest Du keinen Staat machen. 😉

      Als Musiker kommt das Thema dann auf den Punkt: Ich habe meistens die Wahl zwischen gar nicht spielen und schlechter Gage. Denn irgendeiner macht’s immer umsonst, und das auch recht gruselig, aber solange der Zapfhahn läuft, ist das dem Veranstalter vollkommen egal.

      So traurig es manchmal ist: Qualität, also was man kann, spielt generell weit weniger eine Rolle, als man denkt. (Oder sich wünscht, wenn man das Gefühl hat, das man etwas gut kann.) Ich denke übrigens auch, dass Frauen eher übervorsichtig sind. Aber: Bei Männern ist es eher das Gegenteil.

      Gerade in der Tontechnik erlebe ich oft die Haltung „Ich Techniker, du nix!“ – je größer die Vollpfostigkeit, desto mehr diese Einstellung. Man muss als Musiker dann Feingefühl genug haben, um den Punkt zu erwischen, wo man auch mal an die Konsole darf, damit wenigstens keine Vollkatastrophe passiert. Und das so, dass der diensthabende Sound Guy nicht seine Würde verliert. Schließlich will ich kein Arschkopf sein und außerdem brauch ich den Typen noch während der Show.

      1. Ja, genau so habe ich es auch schon oft genug erlebt. Es klingt für Außenstehende wie eine ulkige Hollywoodproduktion, aber so läuft’s in „unserem“ Business tatsächlich ab. Leider traurig, aber wahr.

  6. Hallo,
    echt interessantes Thema :-). Ich arbeite jetzt auch schon seit über 10 Jahren als Texterin & Bloggerin im Netz. Anfangs tat ich mir auch sehr schwer, einen für mich „guten“ Preis zu finden.

    Mittlerweile denke ich, ich weiß wie viel ich wert bin – zumindest mir :).

    Wenn neue Kunden das anders sehen, dann kommen wir halt nicht zusammen – mittlerweile habe ich genug zu tun und kann das gut verkraften.

    lg

    Svenja

    PS. Unter 50 € / Stunde steh ich nicht mehr auf – nur um zumindest mal eine Zahl in den Raum geworfen zu haben

  7. Hey Isabelle,

    stimmt, mir geht es mit solchen Aussagen ähnlich. Wobei es da aktuell noch ein paar andere gibt, die mich antriggern. Gerade unter den Coaches erlebe ich eine Wettkampf, auf den ich keine Lust habe. Dabei ist das Geld nur ein Faktor, um den es geht.

    Ich finde den Begriff Wohlfühlbetrag sehr passend. Er deckt sich damit, was ich im Zusammenhang mit dem Modewort Mindset geschrieben habe.
    https://abenteuer-unterwegs.de/der-grosse-hype-um-das-richtige-mindset/

    „Anstatt direkt mit einem Stundensatz zu starten, der dir selber Bauchschmerzen verursacht, könntest du es einfach langsam angehen. Du kannst dir kleinere Ziele setzen und erst einmal Erfolgserlebnisse sammeln.“

    Gerade als Anfänger ist es doch totaler Unsinn, mit horrenden Summen zu starten und sich mit diesen vollkommen unwohl zu fühlen.

    Wie in anderen Bereichen der Selbstständigkeit auch geht es darum, seinen eigenen Weg zu finden. Es wäre schön, wenn wir uns dabei alle unterstützen würden statt uns gegenseitig Steine in den Weg zu legen 🙂

    Liebe Grüße

    Nima

  8. Ich nehme Als Texter und social media manager im Nebengewerbe 62 Euro/Stunde. Im Oktober gehe ich die Sache hauptberuflich an und dann geht der Preis um 10 Euro rauf da sich nun auch der Krankenkassenbeitrag erhöht. Ich habe aber auch bei 25 Euro angefangen allerdings schnell auf 40 erhöht, da ich festgestellt habe dass weniger Buchungen kommen wenn man zu günstig ist. Dann bin ich bei jedem Kunden mit dem Preis etwas nach oben gegangen. Funktioniert super, Kunden sind zufrieden und Ich kann auch mal in den Urlaub fahren.

  9. Danke für den Beitrag. Ich fürchte fast, alles was ich dazu zu sagen habe bringe ich gar nicht in das Kommentar 😅 Ich blogge hauptberuflich und war zu Beginn ganz sicher zu billig. Damals wusste nich niemand, dass man dafür wirklich geld verlangen kann. Heute bach 5 Jahren kalkuliere ich meinen Stundensatz mit zwischen 70-90 Euro je nach voraussichtlich erforderlicher Komplexität des Projekts. Unter 800 bis 1000 Euro mache ich kaum mehr Projekte, weil ich sonst nicht davon leben könnte (Versicherungen, Vorsorge… es wurde weiter oben in einem Kommentar schon grnannt) oder mein Blog mit Werbung überschwemmen muß. Seit ich meine Preise so festgelegt habe musste ich selten verhandeln. Ich bin glücklich mit jedem Projekt und fühle mich fair bezahlt und ausgelastet aber nicht überlastet. Wenn mich Kollegen fragen, nenne ich meine Preise. Ich finde das gut, in dieser Branche ist es sehr schwer abzuschätzen und vor allem am deutschen Markt betreiben die Unternehmen in meinen Augen oft Preisdumping mit Stundensätzen von denen ich nicht leben könnte… ich finde, es muss für einen selbst passen und doll halt auch den Markt nicht kaputt machen. Irgendein Blogger machts immer gratis… 😅
    Und Wert ist immer relativ. Den definiert man unter anderem selbst. Da muss wohl jeder selbständige durch. ♥️
    Lg, judith

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