Fragen Selbstständigkeit, selbstständig machen

Selbstständig mit dem Hochstapler-Syndrom: Gehörst du dazu?

Es gibt in einer Selbstständigkeit so manches Tabuthema über das kaum jemand gerne spricht. Neben Erfolglosigkeit, Geld, Versagensängste und menstruationsabhängige Lustlosigkeit reiht sich ein weiteres Thema ein, bei dem gerne geschwiegen wird und mich immer mal wieder heimsucht. Nämlich das Gefühl, eine Hochstaplerin zu sein. Ich denke dann, ich gaukele dir permanent etwas vor und warte quasi nur darauf, irgendwann „aufzufliegen“ oder als Nichtskönnerin entlarvt zu werden…

Frau Chefin ist mein großes Herzensprojekt. Meine ganze Zeit und Energie, die ich neben meinem Dasein als Tontechnikerin, Hausfrau, Ehefrau und Mutter zur Verfügung habe, stecke ich in diesen Blog. Es ist mein Zweitjob, den ich mit vollem Herzblut erfülle und mir Spaß bringen sollte. Es gibt aber auch Tage, an denen ich schlichtweg drei Jahre Bloggen in Frage stelle, meine Artikel blöd finde und mir meine Webseite überhaupt nicht gefällt.

Ich frage mich dann jedes Mal: „Wann merken die anderen, dass ich gar nicht so toll und perfekt bin? Dass ich eigentlich gar nicht gut bin, in dem, was ich tue? Dass ich eigentlich ein Nichts bin?“

Ich weiß, dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine bin.

Mal davon abgesehen, dass ich mir sicher bin, dass jeder ab und zu mal grübelt und alles in Frage stellt, reihen sich übrigens auch bekannte Persönlichkeiten mit solchen Gedanken ein. Wie z.B. Emma Watson, Kate Winslet und Jodie Foster.

Wie Momentaufnahmen unseren Eindruck blenden

Beruhigend ist es, damit nicht alleine zu sein. Klar gibt es im Laufe der Zeit immer mal wieder Tage, an denen es einfach nicht läuft, an denen ich negativ denke oder auch mal ganz gerne alles hinwerfen würde. An denen ich schlichtweg das Gefühl habe, weder etwas zu können, noch damit Erfolg zu haben. Da verkrieche ich mich zugegebenermaßen ganz gerne in meinem Schneckenhäuschen und warte, bis der Sturm vorübergezogen ist.

„Wann merken die anderen, dass ich gar nicht so toll und perfekt bin?“

Besonders anstrengend – oder sagen wir besser das Gefühl von Nichtskönnen unterstützend – ist es dann, wenn ich sehe, wie andere tolle Artikel posten, Lob dafür bekommen und knallhart ihre Pläne durchziehen. Wie sie einen Kunden nach dem anderen gewinnen, von Umsätzen von mehr als 100.000€ plappern und auch noch behaupten, sie würden kaum noch arbeiten.

Oder auch, wenn ich meinen Instagram Feed durchscrolle. Dann bekomme ich immer den Eindruck, dass es in unserem auf Hochglanz polierten Social-Media-Kosmos schlichtweg keinen Platz für ungute Tage und „Niederlagen“ gibt. Überall ist alles #luckyday, #awesome und voller #positivevibesonly. Was mich an schlechten Tagen ehrlicherweise aufregt – auch wenn es keinen Grund dafür gibt.

Denn grundsätzlich ist es auch meine Ansicht, Freude, Spaß, Motivation und Glück zu verbreiten, statt andere mit meinen negativen Gedanken herunterzuziehen. Aber mir ist es genauso wichtig, auf Frau Chefin über alle Facetten einer Selbstständigkeit zu schreiben und auch zu zeigen. Und da gehören schlechte Tage einfach mal dazu. Denn sie gehören zu unserem Leben.

Und was ist Social Media schon? Nichts weiter als eine Sammlung von Momentaufnahmen, die leider oftmals wenig mit dem wahren Alltag zu tun haben. Und so wie auf Social Media kein Platz für ungute Tage ist, genauso wenig Platz gibt es für gewöhnlich für Sorgen und Tabuthemen in einer Selbstständigkeit.

Das Hochstapler-Syndrom ist übrigens keine Erfindung von mir.

Und ich diagnostiziere mir auch nichts an. Ich habe mich nur irgendwann gefragt, warum ich manchmal solche Dinge denke und ob es noch jemanden da draußen gibt, der so verkorkst ist 😉

Und ja, ich bin nicht nur nicht alleine damit, sondern es gibt sogar einen Beitrag auf Wikipedia dazu:

Hochstapler-Syndrom„Trotz offensichtlicher Beweise für ihre Fähigkeiten sind Betroffene davon überzeugt, dass sie sich ihren Erfolg erschlichen und diesen nicht verdient haben. Von anderen als Erfolge angesehene Leistungen werden von den Betroffenen mit Glück, Zufall oder mit der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten durch andere erklärt.“

Der Knackpunkt beim Hochstapler-Syndrom ist also, dass du bzw. ich überhaupt nichts ausgefressen habe, oder irgendetwas angestellt habe, bei dem man mich ertappen könnte. Es gibt überhaupt keinen Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben, oder mein Tun in Frage zu stellen. Wenn das Hochstapler-Syndrom zuschnappt, dann bin ich ganz rational gesehen nur in einem Selbstzweifel-Tiefpunkt, der mich solche Dinge denken lässt. Dinge, dass ich jederzeit auffliegen könnte, eine Nichtskönnerin zu sein – eine Hochstaplerin eben.

Was ich gegen das Hochstapler-Syndrom mache

Um Chefin über dieses Gefühl zu werden, bzw. es gar nicht erst wieder aufkommen zu lassen, habe ich vor allem seit September 2018 so einige Blockaden in meinem Kopf gelöst und mein Mindset von null auf neu aufgebaut. Denn das war in meinem Motivationstief so richtig verkorkst…

Ich habe mich nach und nach aus fast allen Newslettern ausgetragen – auch wenn es mir für viele leid tat, weil ich weiß, wie viel Arbeit darin steckt. Aber hey, hat sich bei mir schonmal jemand entschuldigt, dass sie sich ausgetragen hat? Nö.

Ich entfolge seit Monaten Accounts auf verschiedensten Social-Media-Plattformen, um mich einfach nicht zu sehr von außen beeinflussen zu lassen und die Informationsflut einzudämmen.

Ich lese deutlich weniger im Internet, dafür wieder mehr Bücher, um mir zunächst von einer Meinung ein Bild zu machen, bevor ich zehn weitere aufgetischt bekomme.

Aber das Wichtigste ist: Ich sammle meine Erfolge. Denn jedes Lob, jeder Kommentar und jede Email, die mich erreicht, kommt von Herzen und ist ernst gemeint – und sollte ich auch genauso ernst nehmen und nicht hinterfragen.

Ich weiß tief in meinem Inneren, dass ich keine Hochstaplerin bin, weil ich auf Frau Chefin ehrlich schreibe und Ehrlichkeit ein wichtiger Grundpfeiler meiner Unternehmenswerte ist. Dass ich jeden Tag, den ich selbstständig bin, hart an meinem Erfolg gearbeitet habe und nach wie vor arbeite und mir das alles andere als zugeflogen ist. Und diese kleinen und größeren Erfolge, die ich sammle, erinnern mich in einem schwachen Moment daran, dass es nicht wichtig ist, wie groß Erfolge sind, sondern, dass wir sie wertschätzen.

Wie gehst du mit Selbstzweifeln um? Und „leidest“ du auch manchmal unter dem Hochstapler-Syndrom?

About the author
Hallo, ich bin Isabelle! Ich helfe selbstständigen Frauen, mit ihren Audios und Videos einen starken Onlineauftritt hinzulegen. Seit Oktober 2014 bin ich als Vollzeit-Selbstständige und seit mehr als neun Jahren als Audio- und Videotechnikerin unterwegs. Januar 2016 gründete ich meinen Business-Blog "Frau Chefin". Dort findest du über 150 Artikel zu den Themen Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein, Selbstorganisation sowie Audio- und Videotechnik.

4 Kommentare

  1. Vielen Dank für den tollen Beitrag.
    Ich kenne das Gefühl sehr gut und mache seit einigen Monaten genau das, was du auch tust. Allem entfolgen bzw. mich abmelden, was mir nicht guttut.
    Ich habe schon vermutet, dass das Gefühl auch andere (vermutlich hauptsächlich Frauen) haben. Dass ich mich in so guter und sogar prominenter Gesellschaft befinde, geschweige denn, dass es einen Namen und einen Wikipedia Eintrag dazu gibt, wusste ich aber nicht.
    Ganz liebe Grüße,
    Annelie

    1. Sehr gerne, Annelie.
      Dieser Weg funktioniert für mich prima, ich fühle mich wohler und habe dazu noch mehr Zeit. Zumindest ist so mein Eindruck nach fast zwei Monaten „Freimachen“.

      Ich habe das übrigens auch sehr lange nicht gewusst, dass es da einen Namen für gibt, geschweigedenn Prominenz sich geoutet hat. Hat mich dann allerdings ziemlich erleichtert.

      Viele liebe Grüße
      Isabelle

  2. Ein wirklich toller, erfreulich ehrlicher Artikel. Danke dafür! Ich kenne das Gefühl auch recht gut und bin irgendwann auch darüber gestolpert, dass das als Hochstapler-Syndrom bekannt ist. Und habe für mich lustigerweise die gleichen Strategien gefunden wie du (v.a. Newsletter & Social Media reduzieren, Mindset „bearbeiten“). Außerdem vergleiche ich mich meistens zumindest nur noch mit mir selber („habe ICH mich weiterentwickelt und anderen helfen können“ und nicht „bin ich schon so gut wie andere, die evtl. bereits viel länger dabei sind“).
    Viele Grüße, Lisa

    1. Vielen Dank, Lisa. Vor allem „habe ICH mich weiterentwickelt und anderen helfen können“ und nicht „bin ich schon so gut wie andere, die evtl. bereits viel länger dabei sind“ sind zwei extrem wichtige Punkte! Ich habe für mich dabei irgendwann festgestellt: In vielen Fällen kann ich prima mithalten – ich denke nur selbst leider zu oft, ich wäre schlechter in dem, was ich tue, als ich eigentlich bin.

      Hatte es genau darüber vor kurzem mit einem Kollegen bei einer Business-Veranstaltung: Ich meinte, ich wüsste gar nicht richtig, was ich in meiner Vita aufzählen soll, was ich tolles gemacht habe. Für mich sei das alles irgendwie nicht so der Börner, dass ich damit rumprahlen würde. Da meinte er nur: „Du hast doch das und das gemacht, die große Sache, kannst die Software sensationell und bist an dem Pult mega fit. Das kann ich alles nicht!“ Seitdem denke ich darüber auch anders, aber es muss scheinbar immer mal wieder jemand sein, der einem/mir das als Außenstehender sagt, sonst vergesse ich das wieder 😉

      Liebe Grüße
      Isabelle

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