Geburtsvorbereitungskurs: Ich, die Exotin unter den Dickbäuchen

Geburtsvorbereitungskurs: Ich, die Exotin unter den Dickbäuchen

Vor ein paar Monaten hatte ich das Glück, einen Geburtsvorbereitungskurs zu ergattern. Abgesehen davon, dass es für mich eine grundlegend neue Erfahrung ist, ist es für mich auch fremd, abends an einem Kurs mit anderen Frauen – allesamt 9-to-5 arbeitende, festangestellte, werdende Mamis – teilzunehmen. Und was ich da erlebte, versetzt mich immer wieder in Erstaunen.

Mehr als die Hälfte unseres Geburtsvorbereitungskurses haben wir hinter uns. Mittlerweile haben wir uns aneinander gewöhnt und uns auch besser kennengelernt. Aber ich weiß noch genau, wie das erste Mal für mich war: Ich fühlte mich wie eine Exotin in der Runde der Dickbäuche – und irgendwie bin ich es auch heute noch.

Abgesehen davon, dass ich Ende des fünften Monats noch kein sichtbares Bäuchlein hatte, ich auch bei der Schwangerschaftsübelkeit nicht mitreden konnte und dazu oft abgehetzt nach einem Job in den Kurs stürzte: Dass ich selbstständig bin, hat nicht nur viele verblüfft, sondern auch bei einigen großen Respekt und zeitgleich absolute Unwissenheit hervorgerufen.

Wie das in solchen Kursen nunmal ist, erzählt jede ein wenig von sich, wo sie wohnt, was sie beruflich macht, mit welchen Problemen sie aktuell zu kämpfen hat und was sie sich nach der Geburt vorstellen.

Die Dickbäuche lernen sich im Geburtsvorbereitungskurs kennen

Eine Kursteilnehmerin erzählte zum Beispiel, dass sie – seitdem sie schwanger ist – krankgeschrieben sei und bald wieder arbeiten müsse, sofern sie nicht weiterhin krankgeschrieben werde. Das würde sie unheimlich belasten. Zum Glück war ich nicht alleine, die sie etwas neidvoll anschaute.

Andererseits kann ich auch bis heute nicht nachvollziehen, warum es eine Erlösung ist, nicht arbeiten zu dürfen. Klar, es ist toll, frei zu haben und dafür auch noch Geld zu bekommen, aber ich würde wahrscheinlich bei jedem Zwicken mir direkt die schlimmsten Horrorszenarien ausmalen – aus Langeweile. Und mal nebenbei: Wie unheimlich unzufrieden muss man mit seiner Tätigkeit sein, wenn man lieber krankgeschrieben ist?

Eine andere Kursteilnehmerin schwärmte davon, dass sie bald in Mutterschutz kann und es kaum noch erwarten kann, endlich frei zu haben. Wieder eine andere erzählte davon, dass sie auf jeden Fall zwei Jahre zu Hause bleiben wird – schließlich wird sie ja weiterhin bezahlt.

Irgendwann waren die neugierigen Augen bei mir gelandet und ich sollte erzählen, was ich so geplant hatte. Das war zu diesem Zeitpunkt nicht ganz so einfach zu beantworten, da ich zwar eine grobe Planung hatte, ich mir aber auch bewusst war – und nach wie vor bin – dass bei jedem Arzttermin etwas sein könnte, was meine Pläne komplett über den Haufen wirft. Ich bin mit meiner Einstellung „nicht zu viele Gedanken machen, alles relaxt angehen und dann überlegen, wenn es so weit ist“ bisher ganz gut gefahren.

Geburtsvorbereitungskurs 2.0. Die Exotin packt aus.

Zurück zu den neugierigen Blicken. Ich versuchte, so klar und verständlich wie möglich zu antworten und legte los:

Nun, ich bin froh, dass ich nicht krankgeschrieben bin, denn in dieser Zeit würde ich keinen Cent verdienen – einen Ausgleich in Form staatlicher Leistungen gibt es bei mir nicht. „Krankentagegeld ist für Kranke, aber eine Schwangerschaft ist keine Krankheit“ hat mich meine Krankenversicherung aufgeklärt, weshalb meine Krankenkasse auch in der schlimmsten Schwangerschaft keinen Cent bezahlen würde.

Mutterschutz gibt es als Selbstständige nicht, zumindest nicht, wenn man privat versichert ist. Ich könnte rechtlich gesehen arbeiten, bis ich Wehen habe. Da ich es absolut unvernünftig finde, in meinem Beruf so lange zu arbeiten und das auch unverantwortlich wäre, werde ich mich selbst die letzten vier Wochen vor der Geburt in „Mutterschutz“ schicken – natürlich verdiene ich in diesen Wochen keinen Cent.

Sobald unser Krümel da ist, werde ich (nach aktueller Planung) fünf Monate in Elternzeit gehen und diese Zeit in vollen Zügen genießen. Denn die wird nur uns beiden gehören – und da profitieren wir auch mal von einer Leistung, nämlich dem Elterngeld.

„Aber wenn das doch so schön für dich ist, warum bleibst du dann nicht ein paar Jahre zuhause?“

Nun, zum Einen bekommt man das Elterngeld nicht jahrelang bezahlt, sondern nur maximal 14 Monate (wenn man monatlich den vollen Betrag ausschöpft und auch der Mann mal in Elternzeit geht). Zum Anderen hat man als Selbstständige nicht den Luxus, dass eine Stelle auf einen wartet, die man – von Ausnahmen abgesehen – wieder einnehmen kann.

Auftraggeber warten nunmal keine Jahre, bis man sich wieder bereit fühlt. Bis dahin ist man vergessen und andere sind nachgerückt. Wenn man also nicht wieder bei Null anfangen möchte, hat man kaum eine andere Möglichkeit, als spätestens nach einem Jahr wieder zu arbeiten.

Davon abgesehen entwickelt sich der technische Bereich so rasant weiter, dass ich mir sicher bin, es würde mir auch das Genick brechen, wenn ich mehr als ein Jahr aussteigen würde. Routinen sind weg, Techniken neu und unbekannt, einiges hat man mit Sicherheit auch vergessen. Einarbeitungszeit? Nur auf eigene Kosten logischerweise und wenn man nicht Schritt halten kann, wird man einfach nicht gebucht.

„Das ist ja furchtbar! Zum Glück habe ich eine Festanstellung!“

Nun, das ist Ansichtssache. Ich muss mich – sobald ich wieder arbeiten möchte – nicht entscheiden, ob ich Teilzeit oder Vollzeit arbeite. Ich habe keine festen Arbeitszeiten und auch keinen unverhandelbaren Arbeitsplan. Ich kann entscheiden, wie viele Aufträge ich annehme. Vielleicht ist das in einer Woche der Umfang einer Teilzeitstelle, in einer anderen eine Vollzeitstelle und in wieder einer anderen eine „Urlaubswoche“.

Ich bin die Chefin und kann entscheiden, was möglich ist. Und für diese Freiheit und diesen Luxus verzichte ich gerne auf ein paar staatliche Leistungen.

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Frau Chefin
Folge mir:

Frau Chefin

Ich bin Rosenkohlaussortiererin, Teilzeit-Dickkopf und Vollzeit-Freiberuflerin. Sport-Fan, Handy-Vernachlässigerin und Möchtegern-Hausinhaberin. Von süßen Katzenbabys und Wurst halte ich nicht viel, dafür umso mehr von digitalen Medien und Tonpulten.
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7 Gedanken zu „Geburtsvorbereitungskurs: Ich, die Exotin unter den Dickbäuchen

  1. Judith sagt:

    Ja, so geht es auch mir gerade, ich verstehe dich zu gut. Geburtsvorbereitungskurse habe ich übrigens gemieden 😉 Aus Gründen. Und weil es das dritte Kind ist. Zwei Wochen habe ich noch bis zum Termin. Was ich derzeit weglasse an Arbeit, wenn es geht, sind meine „Nachtschichten“ am Computer. Manchmal. Ansonsten business as usual. Es macht Spaß, ich könnte gerade nicht anders und außerdem … na ja … ich muß die Kunden für den Sommer „abschließen“ und die letzten Aufträge haben sich leider rund um den Geburtstermin ergeben (ok, da bin ich selbst schuld …) Ich sage nicht NEIN, wenn das Geschäft gerade anfängt zu laufen, das wäre enorm geschäftsschädigend und keine Hilfe für den Start nach meiner Karenz im Herbst.

    Die vier Monate, die ich in Karenz gehen werde, bereiten mir jetzt schon Bauchscherzen, weil ich nicht über die Zuverdienstgrenze des Karenzgeldes geraten darf. Sonst muß ich sowohl den entsprechenden Anteil des Karenzgeldes als auch den Bonus für beide Partner zurückzahlen, den wir bekommen, weil wir uns die Karenz 60:40 (er:ich) aufteilen. Ein Bonus, den der Staat in Österreich quasi als Zuckerl bezahlt, damit mehr Männer länger in Karenz gehen. Ich bin unfassbar froh, dass wir nicht beide selbständig das, das hätte es enorm verkompliziert. Ich finde aber als selbständige Frau hat man es noch um ein Eck schwieriger und ich habe Luftsprünge gemacht, als ich es erfahren habe, dass die Karenz bei meinem mann anstandslos so bewilligt wird, wie er sie beantragt hat. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich 12 Monate in Karenz sein hätte „müssen“. Kein Geld vom Staat beantragen vielleicht und einfach statt dessen arbeiten (?) 12 Monate den laufenden „Laden“ zuzumachen wäre undenkbar gewesen. … vielleicht sollte ich darüber auch noch mal einen Artikel schreiben. Jetzt, wo ich dir den Kommentar hier hinterlasse, merke ich, wie mich das beschäftigt …
    Alles Liebe für deine Schwangerschaft! Ich lese weiter mit 😉
    Judith

    • Frau Chefin sagt:

      Hallo Judith,

      es ist auf jeden Fall ein Thema, über das man schreiben sollte. Denn viele Menschen sind sich dessen gar nicht bewusst, wie schwierig es ist, selbstständig zu sein und in Elternzeit zu gehen – bzw. in Österreich in Karenz. Der Planungsaufwand ist als Selbstständige enorm und hat alles andere als mit erholter Zeit vor der Geburt oder gar „Urlaub“ nach der geburt zu tun.

      Ich drücke dir auf jeden Fall ganz fest die Daumen, dass es bei euch gut läuft und nicht so kompliziert wird, wie bei uns 😉 Und auch dir alles Gute für deine Schwangerschaft!

      Ich freue mich, wenn du bei Frau Chefin weiterhin vorbei schaust 🙂

      Liebe Grüße
      Isabelle

  2. Anni sagt:

    Vom Thema Mama werden bin ich noch entfernt, aber Gedanken habe ich mir natürlich auch schon gemacht. Natürlich ist es nett, wenn man einfach wieder einsteigen kann. Aber wie traurig, wenn man den Tag, an dem es wieder losgeht schon Monate vorher fürchtet!
    Außerdem kommt ja dazu, dass du wenn du wieder arbeitest, das von zuhause machen kannst. Dein Kind kann bei dir sein und wird nicht zwangsläufig nach ein paar Monaten in eine Kita gesteckt. Ich finde das ist ziemlich viel wert.

    • Frau Chefin sagt:

      Hallo Anni,

      für Frau Chefin kann ich von zuhause arbeiten. Ein Grund, weshalb ich auch so unglaublich dahinter bin, den Blog weiter auszubauen. Ich finde, für das Kind da sein zu können, arbeiten zu können und das von zuhause ist unbezahlbar. Natürlich wird es anstrengend. Natürlich wird es Phasen geben, in denen es nicht rund läuft, aber für uns ist das alles besser als mit wenigen Monaten das Kind in eine Kita geben zu müssen.

      Liebe Grüße
      Isabelle

  3. Cat sagt:

    Ich musste beim Lesen schmun zeln. Als mein Mann und ich einen Geburtsvorbereitungskurs besuchten, waren wir auch „Exoten“. 1. wollte mein Mann in Elternteilzeit gehen – als angestellter Geschäftsführer in eigener Familienfirma. Für mich (Redakteurin kurz vor volontariatsende) war klar, dass die Suche länger dauern würde – und dass ich wohl erst einmal ALG1 beantragen und mich nach 8 Wochen wieder suchend melden würde. Denn ich war zwar angestellt, aber befristet und der Vertrag lief mit dem Mutterschutz aus. 2. konnte ich mir einfach nicht vorstellen, ein Jahr oder mehr zu Hause zu bleiben – nicht in der wandelbaren Journalismusbranche und erst recht nicht ohne Festanstellung. Heute, fast ein Jahr nach der Geburt, habe ich mit viel Glück eine Teilzeit-Festanstellung in der Region und bin nach 8 Monaten Suche froh, dass ich so früh mit dem Suchen angefangen und zwei Fortbildungen gemacht habe.

    • Frau Chefin sagt:

      Hallo Cat,

      exotisch hat auch etwas Gutes: Man bleibt interessant 😉
      Ich freue mich für dich, dass du eine Teilzeitstelle gefunden hast!

      Mein Mann wird auch ein paar Monate Elternzeit nehmen, was auch für viele seltsam ist, da oft gedacht wird, „der Mann hat doch die Festanstellung, der bringt die Kohle nach Hause“. Sehr altmodisch eben.

      Ich bin sehr gespannt, was die nächsten Monate auf uns zu kommt und ob unsere „Planungen“ aufgehen 😀

      Liebe Grüße
      Isabelle

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