Alltag als Selbstständige

„Das gehört dazu, das ist professionell!“ Ach ja?

Es gibt seit einiger Zeit einen Trend im Onlinebereich, den ich mit großem Argwohn betrachte. Und mir zugegebenermaßen echt Sorgen mache, wohin das noch führen soll. Ich rede davon, dass uns unbewusst und auch bewusst an jeder Ecke gesagt wird, wie wir uns verhalten müssen, um als Unternehmerin professionell zu sein.

„Wenn du nicht professionell bist, wird das auch nichts mit deinem Business!“
„Du musst unbedingt Videos drehen, das sieht mega professionell aus!“
„Nur wenn du eine CI hast, können dich die Menschen wiedererkennen und bist du richtig professionell!“
„Und ohne eine durchdesignte Homepage geht ja mal gar nix als Unternehmerin!“

Alles Aussagen, die mir seit Monaten unter vielen weiteren immer wieder über den Weg laufen. In abgewandelten Formen und von verschiedenen Personen und Seiten. Im Grunde ist an ihnen allen etwas wahres dran. Natürlich ist es cool eine eigene CI zu haben und trägt zum Erfolg bei, weil es einen Wiedererkennungswert schafft. Klar ist es ein geniales Gefühl eine krasse Homepage zu haben, die einen Whoah-Effekt verursacht. Aber muss das alles wirklich sein? Also braucht es das wirklich, um professionell zu wirken und Erfolg zu haben?

Meine Meinung ist: Nein. Ich kenne einige Unternehmerinnen und Unternehmer, die erfolgreich sind und keine besonders tolle, oder sogar gar keine Webseite haben. Geschweigedenn ein vom Profi designtes Logo. Trotzdem sind sie selbst professionell…

Was heißt es eigentlich professionell zu sein?

Fangen wir mal ganz vorne an: Was heißt es eigentlich, professionell zu sein? Und woran wird es festgemacht, was professionell ist und was nicht?

Bestimmt wird das in meinen Augen von Experten (oder solchen, die sich so nennen), von der überwiegenden Allgemeinheit, gesellschaftlichen Konventionen und seit Generationen überlieferten und anerzogenen Ansichten. Wir sagen ständig „oh, das sieht professionell aus“ oder „der/die ist aber professionell“, was meiner Meinung nach etwas zusammengefasst nichts anderes heißt, als „der/die beherrscht ihren Job“. Übrigens sagt auch das Wörterbuch nichts anderes dazu. Dort steht nämlich, dass professionell ist, wer eine Tätigkeit als Beruf ausübt.

„Meiner Meinung nach heißt professionell zu sein nichts anderes, als dass man seinen Job beherrscht.“

Was gehört denn nun dazu, um professionell als Selbstständige zu wirken? Müssen wir, um professionell zu wirken, unser Können präsentieren? Ständig präsent sein? Sensationell guten Content kostenlos raushauen?

Natürlich gehört es zu einem professionellen Auftritt, dass du einen guten ersten Eindruck machst und auch Wert auf einige Dinge legst, damit du „professionell rüberkommst“. Schließlich bist du Unternehmerin und da gehören so ein paar „Gesetze“ dazu. Wie zum Beispiel eine gute Organisation, Pünktlichkeit und ein Erscheinungsbild, das nicht abschreckt. Allerdings bin ich der Ansicht, dass man – um professionell zu wirken – weder zu Beginn ein Logo, noch eine tolle Webseite braucht, noch irgendwelche Videos drehen oder kostenlos hochwertigen Content raushauen muss.

Für mich sind andere Dinge wichtig, die Professionalität ausstrahlen: Freundlichkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und natürlich Ahnung von dem, was du machst. Der „Rest“ – also eine tolle Homepage, ein Logo, eine CI, Videos, ein toller Social-Media-Auftritt – ist in meinen Augen Beiwerk.

Außerdem gehört es meiner Meinung nach auch dazu, dass du dich mit Dingen gut präsentierst, die unmittelbar mit deinem Business zusammenhängen. Sprich, gut gedrehten Videos, wenn du dich als Videofirma verkaufst, sensationelle Texte, wenn du als Texterin durchstarten willst, gute Bilder, wenn du Fotografin bist usw. Doch der Trend geht immer weiter in Richtung: „Ich muss mich überall sensationell vermarkten und sichtbar sein, sonst bin ich nicht professionell!“.

Professionalität zum Schleuderpreis

Als ich meine Challenge „Klappt doch!“ plante, ist mir das richtig extrem aufgefallen. Ich nehme selbst gerne an Challenges teil, weil sie einen ganz anderen Einblick in das eigene Tun vermitteln und auch zu der Person, die sie veranstaltet. Vor drei Jahren war allerdings der Level an „Anforderungen“ noch ein ganz anderer. Meine erste Challenge (übrigens die einzige bis zu „Klappt doch!“) bestand nur aus Emails. Eine einfache Anmeldung auf dem Blog reichte aus. Bei Fragen und Anregungen konnte man mir direkt eine Mail schreiben. Das war’s.

Heute reicht das scheinbar nicht mehr. Heute MUSS man regelrecht groß auffahren, sonst wird die Challenge floppen bzw. die Anmeldungen halten sich in Grenzen. Videos drehen, Texte schreiben, Audios aufnehmen, eine Facebookgruppe haben und selbstverständlich dort live sein. Mal ganz davon abgesehen, dass auch die Vermarktung der Challenge deutlich aufwendiger geworden ist.

professionell sein als SelbstständigeBereits während der Vorbereitung der Challenge machte ich mir ehrlich gesagt echt Sorgen. Die Challenge ist kostenlos – womit ich kein Problem habe. Auch ist klar, dass ich damit mein Programm „Ich mach‘ das jetzt!“ vermarkten wollte. Das ist kein Geheimnis. Aber steht das alles in einer Relation? Muss das alles sein? Muss es sein, dass ich für kostenlose Angebote meine Zeit in diesem Maß aufwende?

Nicht nur die Planung hat mich deutlich mehr Zeit gekostet, als ich erstmal gedacht habe. Vor allem die Erstellung der einzelnen Dateien hat mich mehrere Wochen beansprucht. Immer mehr hatte ich den Eindruck, dass ich damit einen kleinen Onlinekurs erstelle – mit der Hoffnung im Hinterkopf, dass dich das eigentliche Programm dazu anspricht und du dieses dann auch kaufst.

Es ist nicht so, dass ich daran nicht meinen Spaß hatte. Die Challenge habe ich freiwillig gemacht und hätte ich auch einfach bleiben lassen können. Ich hätte genauso auch einfach wieder eine Email-Challenge machen können. Allerdings habe ich den Eindruck, dass solche Challenges die Menschen mittlerweile satt haben.

Doch, ist es nun professionell, wenn ich solch eine Challenge kostenlos raushaue? Wäre es professioneller, das Programm direkt ohne Challenge zu verkaufen? Ist es professionell mein Wissen zu verschenken? Oder ist es gerade deshalb professionell, weil ich es verschenke und dir damit die Entscheidung für oder gegen mein Programm erleichtere?

Während den Vorbereitungen habe ich mich dahr immer öfter gefragt, wo das alles mit den Onlineangeboten hinführen soll, wenn – auch unausgesprochen – bereits bei einer kostenlosen Challenge von den Teilnehmerinnen solch ein Umfang und eine Präsenz irgendwie erwartet wird. (Zumindest entsteht der Eindruck, dass das erwartet wird. Wenn ich mich irre – hninterlasse mir bitte einen Kommentar).

Wohin führt das alles?

Nicht nur, dass im Onlinebereich der Usus herrscht, ständig sensationellen Content für umme zu bekommen. Dass es ganz selbstverständlich ist, dass man als Blogger erstmal unzählige Artikel raushaut, bevor man vielleicht auch mal Geld verdient. Dass erwartet ist, dass man 24 Stunden am Tag vor dem Laptop klebt. Sondern auch, dass man unheimlich professionell sein muss, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Sprich, zumindest keine Webseite zu haben, die einen Look aus den 2000ern hat. Aber wohin soll das alles führen?

Mein Tag hat nur 24 Stunden und ich habe ehrlich gesagt keine Lust, meine Tage damit zu füllen, permanent kostenlose Inhalte zu erstellen. Sei es für Blogartikel, meinen Social-Media-Auftritt, Videos oder sonst was. Es gehört alles dazu, keine Frage. Ich lerne dadurch auch echt viel und bei jeder Neuerung verlasse ich meine kleine Komfortzone. Und ja, es macht mir auch Spaß. Aber davon kann weder ich, noch sonst jemand leben. Mal davon abgesehen, dass KEIN Handwerker einfach mal so kostenlos arbeiten würde, nur um zu zeigen, dass er sein Handwerk beherrscht. Oder um als professionell wahrgenommen zu werden.

Aber zurück zur Frage, wohin das alles führen soll. Wenn ich jeden Tag damit beschäftigt bin, kostenlosen Content zu erstellen, wann habe ich dann noch Zeit für mein eigentliches Business? Also die Sache, mit der ich meinen Lebensunterhalt verdiene?

Ist es nicht so, dass wir eigentlich sowieso schon zu wenig Zeit haben? Dass unsere Tage an uns vorbei rauschen? Dass wir oft abends sagen „ich wollte doch eigentlich“ und nichts davon ist passiert? Dass wir ein schlechtes Gewissen haben, weil die Familie nicht die maximale Aufmerksamkeit bekommt?

Immer wieder frage ich mich deshalb: Gibt es nicht auch andere Wege? Wege online zu zeigen, dass man professionell ist und seine Sache beherrscht, ohne permanent kostenlosen Content zu produzieren? Ohne eine Assistentin zu haben, die einen unterstützt, nur weil man es zeitlich gar nicht mehr schafft, alles alleine zu machen? Und wie zur Hölle soll eine Gründerin dieses Pensum erfüllen, um erstmal an Kunden zu kommen?

professionell sein als SelbstständigeTausche Professionalität gegen Business?

Meiner Meinung nach vergessen wir bei unserem Turbogang Richtung Professionalität bzw. der Professionalität, die uns in der Onlinewelt weißgemacht wird, vor allem eines: Unternehmerin zu sein. Denn das gerät bei dem Druck, kostenlosen Content liefern zu müssen, um überhaupt sichtbar zu sein,  immer mehr in den Hintergrund.

Als Unternehmerin sollten wir gewinnorientiert arbeiten. Wir nutzen kostenlose Plattformen zur eigenen Vermarktung, zeigen im Gegenzug kostenlos unser Können und Wissen und vernachlässigen dabei ein Stück weit das eigentliche Business.

Zur Erklärung: Natürlich gehört Marketing zum Business! Und es ist auch toll, dass es Möglichkeiten gibt, sich und sein Business kostenlos zu vermarkten – zumindest ein großes Stück weit. Natürlich beabsichtigen wir auch, mit kostenlosem Content Kunden von uns zu überzeugen und letztendlich zu gewinnen.

Aber muss dafür die Aufgabenliste überquellen mit Aufgaben, die uns erst im dritten oder fünften Schritt eventuell Kunden bringen? Wenn überhaupt irgendwann? Ist das wirklich professionell? Wäre es nicht deutlich professioneller, unser Können und Wissen von Anfang an zu verkaufen, statt es wie ambitionierte Amateure einfach aus Spaß zu machen, um vielleicht mal irgendwann Geld damit zu verdienen?

Gibt es nicht bereits genug zu tun, was uns direkt Geld einbringen kann? Aufgaben, die uns zielgerichteter Richtung Einnahmen lenken? Eigenschaften, die wir ausbauen können, um schneller voran zu kommen?

Ein Artikel mit vielen Fragezeichen, über die ich immer wieder grübele und auch hoffe, dich zum Nachdenken angeregt zu haben. Was bedeutet es für dich, professionell als Selbstständige zu sein? Wann ist für dich eine Person professionell?


Adventskalender

About the author
Hallo, ich bin Isabelle! Bloggerin, Unternehmerin, Mama und der kreative Kopf hinter Frau Chefin. Vor mehr als zwölf Jahren habe ich angefangen, mich intensiv mit dem Thema „Zeitmanagement“ zu beschäftigen und tüftelte daraufhin meine eigene Form der Zeitplanung aus: die Frau-Chefin-Methode. Heute unterstütze ich selbstständige Frauen dabei, ihre Zeit mit Leichtigkeit zu planen, ihre Produktivität anzukurbeln und ihren Alltag so zu strukturieren, dass sie ihre Zeit optimal nutzen können.

6 Kommentare

  1. Hm, schwierig.
    Ich verstehe den Unmut, insbesondere über den Aufwand der Challenges. (wenn ich das sagen darf, ich habe mich als Teilnehmerin auch unter Druck gesetzt gefühlt. Ich hatte noch keine Challenge mitgemacht, ich habe eigentlich Emails erwartet, stattdessen Audio. Schöne Idee, nur für mich was das echt unpraktisch, weshalb ich bei der Challenge leider nach Tag 2 die Segel gestrichen habe bzw. schlummern die Mails immer noch bei mir, aber ich habe sie nicht mehr gelesen/gehört. Dann noch die Tatsache, bis abends fertig zu sein und was beizutragen, immerhin ist der Challenge-Ersteller ja auch noch live…
    Du siehst, es geht auch andersherum.

    Dann die Sache mit dem kostenlosen Content. Da bin ich ehrlich, ich finde es toll, wenn so viele Leute vom Bloggen etc. leben können, nur wie die das machen, das verstehe ich nicht. Denn wenn ich einen wirklichen Ratgeber will etc. dann kaufe ich wohl eher ein Buch.
    Ich finde auch eher dein Rahmenprogramm hier auf der Seite interessant und denke, damit hast du eine gute Basis und ich würde mir sehr gerne dein Zeitprogramm gönnen, aber das ist noch nicht im Budget.

    Also ja, ich bin da ganz bei dir, nur um zu zeigen, dass man sein Handwerk versteht, würde „offline“ umsonst arbeiten, jedenfalls nicht in dem Ausmaß wie es Blogger tun.

    1. Hallo Linda,

      danke für diene Rückmeldung zur Challenge. Das nächste Mal werde ich das auch anders gestalten. Das war für beide Seiten zu stressig.

      Was meinst du denn mit „Rahmenprogramm“? Stehe gerade etwas auf dem Schlauch…

      Viele liebe Grüße
      Isabelle

      1. Mir geht es ähnlich wie Linda. Ich selbst habe mich irrsinnig angesprochen gefühlt vom Einleitungstext. Aber preislich bin ich da fürs Erste einfach noch nicht mit dabei. Ich fände da eine reine Online-Version super, da ich auf stundenlange Telefongespräche ohnehin nicht so stehe und auch E-Mail-Betreuung meist nicht intensiv nutze. Während ich an PDF-Kurs etc. durchaus Interesse hätte. Ggf. mit der Option, zusätzliche Beratung später on top zu buchen, wenn man vom Konzept überzeugt ist und es nur hier und da noch etwas ‚hakt‘.

  2. Liebe Isabell, du sprichst mir aus der Seele! Mein Partner sagt schon nichts mehr, aber in den letzten Monaten hat er mich immer und immer wieder gefragt, warum ich mich den so um Logos, Website etc. kümmere. Ich hätte doch auch so Kunden. Inzwischen glaube ich, dass hinter dem Professionalitäts-Gedöns viele Interessen stecken. Webdesigner und Grafiker möchten natürlich auch ihre Services an den Mann oder an die Frau bringen. Kursersteller und andere Marketing-Coaches hätten nichts davon, wenn es einfach wäre. Das „ich will nicht unprofessionell rüberkommen / ich könnte ja noch viel mehr verdienen“ ist unser Schmerzpunkt, auf den man drückt. Am Ende zeigt sich dann aber doch ganz schnell, was hinter der schicken Fassade wirklich Substanz hat.

    1. Liebe Frances,

      ein sehr guter Satz: „ich will nicht unprofessionell rüberkommen / ich könnte ja noch viel mehr verdienen“. Damit werden wir nicht nur geködert, sondern auch ziemlich verunsichert – vor allem Gründerinnen. Es wird sooo viel versprochen und zwischendurch oder am Ende ist man oftmals einfach nur enttäuscht- zurück bleiben in vielen Fällen Selbstzweifel und die sollten und müssten gar nicht sein!

      Mach weiter, du gehst deinen Weg!

      Liebe Grüße
      Isabelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.