Die Sache mit dem Tagessatz: Wie frei können wir ihn wirklich bestimmen?

Die Sache mit dem Tagessatz: Wie frei können wir ihn wirklich bestimmen?

Als Selbstständige stolpern wir immer wieder über die Problematik unseres Tagessatzes. Phantasiepreise können wir nicht anbieten, unter Wert wollen wir uns aber auch nicht verkaufen. Nicht nur die Frage, wieviel denn nun generell richtig sei, beschäftigt uns, sondern auch was in welcher Branche und Beruf als Tagessatz angemessen ist. Und da gibt es himmelweite Unterschiede.

In meiner Selbstständigkeit musste ich leider schon oft die Diskussion führen, wie hoch ein angemessener Tagessatz sei. Nicht selten konkurrierte ich gerade zu Beginn mit meinen männlichen Kollegen und musste gegen meine Feindin, die angeblich fehlende Berufserfahrung, ankämpfen. Mittlerweile hat sich das zum Glück gelegt, dafür keimen immer wieder Zweifel in Bezug auf meine Branche auf.

Vor kurzem habe ich auf Facebook eine Gruppendiskussion zum Thema „richtige Bezahlung im Bereich Coaching und Speaker“ verfolgt. Und ich muss zugeben, ich habe nur so mit den Ohren geschlackert. Zum Teil wurden dort für mich utopische Stunden- und Tagessätze aufgerufen, bei denen ich mich ehrlich gefragt habe, wer so viel Geld bezahlt. Dazu kommen natürlich noch Fahrt- und Übernachtungskosten. Essen gibt’s oben drauf. Und wahrscheinlich darf man auch noch Sonderwünsche äußern.

Verstehe mich bitte nicht falsch: Ich gönne wirklich jeder und jedem einen Tagessatz im vierstelligen Bereich und weiß auch, dass man sich einen guten Vortrag nicht einfach mal so aus den Ärmeln schüttelt. Auch eine professionelle Powerpoint mit professionellen Bildern kostet Zeit und Geld. Das wird natürlich bei einer Buchung mitbezahlt. Dennoch habe ich mich im Laufe der Diskussion ernsthaft gefragt, warum ich nicht direkt den Berufsstand wechsele.

Der Tagessatz als Wertspiegel?

Und genau das habe ich einfach mal so als Kommentar abgeschickt: „Ich habe eindeutig den falschen Beruf“. Was dann passierte, gibt mir bis heute auf der einen Seite zu denken, auf der anderen war ich danach stinksauer. Und irgendwie bin ich das auch jetzt noch, weshalb ich diesen Artikel schreibe.

Aber zurück. Die Antworten auf meinen Kommentar waren:

„Verkaufe dich nicht unter Wert!“

„Du solltest wissen, was du Wert bist!“

„Passe doch einfach deinen Tagessatz an deinen Wert an!“

Was erstmal super einfach klingt ist doch gleichzeitig ein Schlag ins Gesicht. Ich weiß, dass ich gut in meinem Job bin und ich weiß auch, dass ich in Sachen Tagessatz absolut gleichwertig – zum Teil sogar besser – als meine männlichen Kollegen bezahlt werde. Ich kenne meinen Wert. Aber dieser Wert wird in unserer Branche nunmal nicht bezahlt.

In gewisser Weise bin nicht nur ich, sondern die ganze Veranstaltungsbranche gezwungen, sich unter Wert zu verkaufen, um überhaupt Jobs zu bekommen. Und ich habe dabei noch das Glück, in einem Gebiet Deutschlands zu leben, in dem der Tagessatz vergleichsmäßig hoch ist.

Wenn ich die Möglichkeit hätte, meinen Tagessatz selbst zu bestimmen, so wie ich ihn für richtig halte, würde dieser bei 560€ liegen. Das ist weder zu wenig, noch unverhältnismäßig viel. Mehr als meine Wunschvorstellung von 70€ die Stunde hat mich vor kurzem ein „IT-Fachmann“ gekostet, der von zuhause aus mir mal schnell per Teamviewer bei einem Problem geholfen hat…

Wie frei sind wir denn nun in der Bestimmung unseres Tagessatzes?

Die Realität ist leider, dass die Menschen immer mehr Leistung für einen geringeren Preis haben wollen. Das betrifft nicht nur die Veranstaltungsbranche, sondern sehr viele andere Branchen auch. Ganz vorne dabei sind vor allem die künstlerischen Bereiche (Grafikdesign, Webdesign, etc.).

Meiner Meinung nach sind wir als Selbstständige und Freiberufler NIE ganz frei bei der Bestimmung unseres Tagessatzes. Wir sind marktabhängig. Und der Markt bestimmt leider den Preis. Entweder wir machen mit, oder wir sitzen ohne Aufträge da (von einigen Ausnahmen abgesehen).

Auch exzellente Zeugnisse, Zusatzqualifikationen, Weiterbildungen, Berufserfahrung und gute Referenzen helfen nur bedingt weiter.

Wenn wir bereits längere Zeit am Markt sind, uns einen guten Stand erarbeitet haben und viele Anfragen erhalten, dann können wir unseren Preis an unseren eigentlichen Wert anpassen. Aber mit dem Risiko, den Auftrag eventuell nicht zu bekommen. Sprich, wir müssen vorher abwägen, ob wir den Auftrag wirklich dringend benötigen, oder ob wir gelassen hoch pokern können.

Unser einziger Trumpf als Selbstständige

Die einzige Chance, die ich sehe, ist, langfristig Vertrauen aufzubauen und den (zukünftigen) Kunden ein gutes Gefühl zu geben, so dass sie auf der emotionalen Ebene erreicht werden und dann „aus dem Bauch heraus“ entscheiden. Dann sind sie auch bereit, etwas mehr Geld in die Hand zu nehmen.

Jetzt bist du dran: Welche Erfahrungen hast du gemacht? Wie frei bist du in der Bestimmung deines Tagessatzes? Oder siehst du das alles ganz anders als ich?

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Frau Chefin
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Frau Chefin

Ich bin Rosenkohlaussortiererin, Teilzeit-Dickkopf und Vollzeit-Freiberuflerin. Sport-Fan, Handy-Vernachlässigerin und Möchtegern-Hausinhaberin. Von süßen Katzenbabys und Wurst halte ich nicht viel, dafür umso mehr von digitalen Medien und Tonpulten.
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8 Gedanken zu „Die Sache mit dem Tagessatz: Wie frei können wir ihn wirklich bestimmen?

  1. Linda S. sagt:

    Also meine persönliche Erfahrung mit Coaches ist wirklich, dass die alle so viel nehmen. Aber man muss auch sehen, was die für ein Pensum fahren. Den, den ich ganz gut kenne inzwischen hat nur sehr wenige Tage im Jahr überhaupt frei und ist absolut ausgebucht und hat immer mehr Anfragen. Der will aber auch keine Kunden verprellen und muss dann schauen, wo er sie noch unterbringt.
    Auch weiß ich von ihm, dass es durchaus mal wichtig ist, unterbezahlte Jobs anzunehmen, wo sich evtl. auch mal wieder ein Vollpreisjob durch ergibt.
    Gleichzeitig muss man aber auch irgendwo zu seinen Preisen stehen und nicht jeder Auftrag ist zwingend wichtig, sondern manchmal bringt auch Nein-sagen den Erfolg.
    Aber wenn man dann wirklich davon leben muss, wird sowas gleich wieder schwierig.

    Ich kenne das mit der Preisgestaltung auch, sowohl bei meinem Hobby der Fotografie als auch bei meiner Hauptarbeit mit den Produkten. Da sagen sehr viele, dass ihnen das zu teuer ist, dabei geht es da um ihre körperliche Unversehrheit, um ihr Zuhause, um das sichere Gefühl, dass keiner bei einem drin war. Aber lieber wird dieselbe Summe für ein Smartphone rausgehauen, was nach einem Jahr inaktuell und/oder kaputt ist.

  2. Isabel sagt:

    Die Preisgestaltung ist eines meiner Sorgenkinder. Dem Argument der Austauschbarkeit stimme ich zu. Man muss ja nicht das Rad neu erfinden, aber eigene Akzente setzen, Alleinstellungsmerkmale finden. Und das gelingt nicht 100%ig von Anfang an. Je mehr Kunden man hat, um so besser lernt man ja auch ihre Bedürfnisse kennen. Es ist ein stetiger Prozess, sein(e) Alleinstellungsmerkal(e) herauszuarbeiten und sich eine Reputation aufzubauen. Allerdings habe ich auch schon in der kurzen Zeit meiner Selbstständigkeit festgestellt, dass manchen Menschen auch einfach die Empathie fehlt. Jeder will doch von irgendwas leben und seine Miete zahlen können. Der eigene Tages- oder Stundensatz ist ein schwieriges Thema und ich habe mich noch nicht endgültig entschieden, wie ich damit umgehen werde. Mein Innerstes sträubt sich heftig gegen diese Geiz-ist-geil-Mentalität. Und solange es möglich ist, werde ich an meinem Stundensatz festhalten, welcher sowieso recht kapp kalkuliert ist.

  3. Jaochim Tuchel sagt:

    In meiner Zeit als IT-Freiberufler hatte ich das Glück, dass über die einschlägigen Online-Datenbanken eine relativ hohe Transparenz zu Tages- und Stundensätzen besteht. Allerdings betrifft das in erster Linie die Seite „unter dem Vermittler“. Was der Endkunde bezahlt, bleibt auch da im Dunkeln, und wenn man dann mal doch hinter den Vorhang sieht, ist man nicht sicher, ob es nicht besser gewesen wäre, vor dem Vorhang stehen zu bleiben…

    Mit wachsender Projekterfahrung und zunehmenden Kontakten – und ein bisschen Glück – wurde es einfacher, auch mal ab und an einen „eigenen Kunden“ zu gewinnen. Was bei mir sehr geholfen hat, war, an der eigenen Sichtbarkeit zu arbeiten. Vorträge halten, Fachartikel schreiben, Kontakte aufbauen, sich vernetzen. Kommt jemand auf Dich zu, weil er von Dir gehört hat, ist der Moment, in dem es darauf ankommt, mutig zu sein, einfach mal einen Ballon zu starten und den Preis zu nennen, den man sich wünschen würde. Aber selbst das ist, wie frau Chefin schreibt, ja nicht so einfach. Wünschen kann man viel, aber wie viel ist dann doch zu viel. Da hilft vielleicht tatsächlich nur, sich von Chance zu Chance an einen Wert anzunähern, der offenbar gut passt.

    Nach meiner Erfahrung ist der Preis eher dann ein Argument, wenn man als ein austauschbarer Kandidat wahrgenommen wird …. oder, wenn die Preisforderung wirklich weit über der Schmerzgrenze liegt. Aber die ist tatsächlich formbar, wenn man sich gut positionieren kann.

    Der Schlüssel ist Dein Ruf. Es ist ein hartes Stück Arbeit, den aufzubauen, aber jeder Vortrag, jedes Networking, jeder Fachartikel ist ein Trippelschritt auf diesem langen Weg. Bei mir hat das Angebot von Schulungen in meiner (technologischen) Nische enormen Schub gebracht, auch wenn das eigentlich nur ein „Nebenerwerb“ war.

    Letztendlich musst Du ab und an den Mut haben, mal einen Fünfzigerer drauf zu legen auf Deine Tagessatzforderung, und nebenbei kontinuierlich an Deiner Reputation arbeiten. Das geht allerdings leider nur, solange es nicht schmerzt, auch mal einen Auftrag nicht zu bekommen. Es ist wohl unausweichlich, zu akzeptieren, dass es auch mal ein schlechter bezahlter Job fürs Brotkästchen sein muss, wenn er dafür längerfristig ist und Dir die Luft zum Aufbau Deiner Reputation gibt.

    • Frau Chefin sagt:

      Hallo Joachim,

      danke für die Schilderung deiner Erfahrungen.

      Gerade zu Beginn habe ich sehr viele Jobs angenommen, die weit unter einem „normalen“ Tagessatz in der Branche lagen, um einen Fuß in mehrere Türen zu bekommen. Das hat auch durchaus nicht geschadet und mein Netzwerk enorm erweitert. Die Entscheidung war also definitiv richtig.
      Das Problem, das weiterhin leider bestehen bleibt, ist, dass diese kulturellen Einrichtungen auch nach fast drei Jahren nicht mehr als 25€ pro Stunde zahlen können. Bei manchen sogar nur 16€. Da stellt man sich dann oft die Frage, was man machen soll. Hin und wieder mal einen Job annehmen, um den Fuß in der Tür zu lassen? Oder lieber direkt zuhause bleiben? Von einer freien Bestimmung des Tages- oder Stundensatzes ist bei städtischen und kulturellen Einrichtungen noch lange nicht zu denken 😉

      Viele Grüße
      Isabelle

  4. Nadine sagt:

    Auf der Suche nach einem Business Coach wurde ich immer wieder mit Honoraren in vierstelliger Höhe konfrontiert. Eine Coacherin verlangte über 6.000€ netto für 4×90 min Einzelcoaching. Unfassbar! Allerdings denke ich, dass solche Leute ihre Dienstleitungen zu diesen Preisen auch wirklich verkaufen, da der Kunde ja im besten Fall durch die Beratung seinen Umsatz steigert und die Investition wieder reinholt. Bei mir als Sprachenlehrerin sieht es da anders aus. Die Kunden können das Gelernte nicht wieder reinvestieren. Die meisten Kunden lernen eine Sprache aus privaten Gründen und würden sicher keine 100€/Stunde ausgeben, obwohl ich oft denke, dass Bildung es wert sein sollte auch mal mehr zu investieren. Aber das Thema Stunden-bzw. Tagessatz ist wirklich schwierig. Ich versuche jetzt zunehmend mich als Elite-Sprachschule zu verkaufen und meine Preise zu erhöhen.

    • Frau Chefin sagt:

      Hallo Nadine,

      es wäre sehr spannend zu erfahren, ob dein Versuch mit der „Elite-Sprachschule“ funktioniert. Auch würde mich grundsätzlich interessieren, ob sich solch eine Investition auszahlt, oder ob ein Coach, der für die selbe Zeit die Hälfte verlangt, zu den gleichen Ergebnissen führt…
      Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur sagen: Bei Keynote-Speakern, die 3000€ pro Stunde kosten, gibt es enorme Qualitätsunterschiede. Sowohl in der Form der Präsentation, als auch in Sachen Professionalität und Umgang mit Menschen…

      Liebe Grüße
      Isabelle

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