Wie ein Schwede mir die Augen öffnete

Wie ein Schwede mir die Augen öffnete

Es gibt Begegnungen im Leben, die einen beeindrucken. Die einem die Augen öffnen, unser Denken und Handeln nachhaltig beeinflussen und in ein ganz neues Licht rücken. Heute möchte ich dir von einer solchen Begegnung erzählen. Davon, wie ein Schwede mir die Augen öffnete.

Normalerweise sind Konferenzen nicht so spannend. Man stellt sich das immer so vor: Koffer packen, tagelang unterwegs sein, in tollen Hotels übernachten, super Essen verspeisen und Einblicke in Firmen bekommen, die man normalerweise nicht bekommt. Zugegeben, wenn ich Glück habe, ist das auch genau so. Und ich genieße die wenigen Tage, an denen das so ist.

Was Konferenzen weniger spannend und dafür anstrengend macht (zumindest für mich), ist zum Beispiel, dass die Tage in der Regel extrem früh anfangen – spätestens um 7 Uhr morgens – und auch spät zu Ende sind – meistens gegen 21 Uhr. Dazwischen sitze ich in weniger bequemer Kleidung in einer Ecke, versorge zahlreiche Redner mit Mikrofonen und höre mir stundenlang Vorträge zu Themen an, bei denen ich oftmals weder sprachlich (weil zum Beispiel ein spanisch-englisch oder japanisch-englisch gesprochen wird) noch inhaltlich irgendetwas verstehe.

Doch hin und wieder mache ich auch Erfahrungen, die mich nachhaltig so extrem beeindrucken, dass ich noch wochenlang daran denke. Und davon möchte ich dir heute erzählen:

Bei einem Business-Abendessen ist es üblich, über den Job zu reden. Da mich die Konferenzteilnehmer bisher nur als “die, die in der Ecke sitzt und laut-leise macht” kannten, war in ungezwungenerer Umgebung schnell die Aufmerksamkeit bei mir. So wurde ich gefragt, was ich denn beruflich so machen würde.

In dieser Sekunde kam ich mir sooo klein vor.

Ich saß zwischen all diesen Krawattenträgern, die mit Sicherheit das Fünffache meines Einkommens haben, die irgendwelche Managerposten in dem Unternehmen besetzen, hunderte Mitarbeiter leiten und trotzdem noch Zeit haben, regelmäßig zu golfen. (Wie das gehen soll, ist mir bis jetzt ein absolutes Rätsel).

Diese einfache und auch bestimmt nett gemeinte Frage, die eine schöne Einleitung zum Small Talk darstellt, löste in mir nur eines aus:

Ich hatte das Gefühl, dass ich bis jetzt absolut nichts erreicht hatte.

Natürlich weiß ich, dass das im Grunde totaler Quatsch ist, dennoch hatte ich in diesem Augenblick den Eindruck, im Vergleich zu meinen Tischnachbarn nicht weit gekommen zu sein. Ich kann dir gar nicht genau sagen, warum. Aus irgendeinem Grund hatte ich mich in Sekundenschnelle eines Vergleichs gefühlt, als ob ich in irgendeinem nicht definierten Wettbewerb jämmerlich versagt hätte.

Ich tat in diesem Augenblick das Einzige, was mir richtig erschien: Ich stand zu dem, was ich mache. Was soll’s? Wahrscheinlich sehe ich den Schweden sowieso nie mehr. Mit einem Lächeln im Gesicht sagte ich schließlich so stolz, wie ich es in diesem Augenblick nur sagen konnte, dass ich als Tontechnikerin und Online-Marketing-Beraterin selbstständig bin.

Was mich wunderte: Dem Schweden schien das überhaupt nicht negativ aufzustoßen. Er schien ehrliches Interesse an meinem Beruf zu haben. Natürlich kamen von der anderen Tischseite auch die üblichen Fragen: “Kann man davon denn leben?” und “Ist das mehr ein Hobby? Oder machst du das hauptberuflich?”. Aber das ist ein anderes Thema.

Mit einer ganz gezielten Frage, schaffte er es, mich zum zweiten Mal ins Schleudern zu bringen.

“Und was ist Ihr großes Ziel?”

In diesem Augenblick saß ich da, fühlte mich wie ein Vollidiot und hoffte, dass sich unter mir ein großes schwarzes Loch aufmachen würde, in das ich verschwinden könnte.

Aber absolut nichts passierte.

Hilflos, wie ich mich fühlte, antwortete ich einfach ehrlich: “Ich möchte meinen Job sehr gut machen, aber ich habe nicht dieses eine große Ziel. Ich nutze die Chancen, die sich mir bieten und mache das Beste daraus.”

Oh Mann. Das hatte ich tatsächlich gesagt? Ja.

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich mich in diesem Moment schon wieder schlecht gefühlt habe. Es war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht hundertprozentig bewusst, aber verdammt, ja, ich hatte mit Fräulein i. einfach nicht dieses eine große Ziel.

Natürlich habe ich Ziele, aber das sind kleine Schritte auf einem langen Weg. Und auf diesem Weg ergeben sich immer wieder neue Möglichkeiten, neue Abzweigungen, die in eine andere Richtung weitergehen. Viele dieser Abzweigungen habe ich zu Beginn überhaupt nicht voraus gesehen, aber sie haben mich weitergebracht und mir neue Möglichkeiten gegeben. Ich bin sehr froh, dass ich nicht dieses eine, große Ziel habe und hatte, sonst hätte ich viele Dinge nicht erlebt und wäre jetzt nicht die Person, die ich bin.

Natürlich weiß ich, dass meine Antwort nicht die war, die man in so einer Managerrunde liefern sollte. Keine bzw. keine großen Ziele zu haben, ist in dieser Gesellschaft nicht nur ein Fauxpas ersten Grades, sondern hat auch einen Beigeschmack von “will halt nix erreichen”.

Er fasste meine Aussagen zusammen: “Sie sind selbstständig und ihre eigene Chefin. Sie sind glücklich mit ihrem Job und ihrem Privatleben und haben keinen ausgetüftelten Karriereplan.”

“Ähm, ja… so kann man es zusammenfassen…”

Doch dann sagte er diesen einen entscheidenden Satz, den ich so schnell nicht mehr vergessen werde:

“Ich beneide Sie.”

Wie bitte? Habe ich richtig gehört?

“Ich beneide Sie. Sie haben keinen Boss, der Ihnen sagt, wann Sie im Büro sein sollen, Sie machen das, was sie lieben und sie glücklich macht und sie arbeiten nicht nach einem festgelegten Plan. Ich habe seit dem Studium jeden Schritt meiner Karriere durchgeplant, verdiene viel Geld, aber Spaß macht mir mein Job nicht.”

Ich war baff.

Da sitzt ein Mann neben mir, der einer der höchsten Manager des Unternehmens ist (und das hat immerhin über 15.000 Mitarbeiter), verdient im Jahr so viel Geld, dass einem Tränen in die Augen steigen und sagt mir, dass er mich beneidet?

Ich habe vor lauter Verwunderung keinen Ton heraus gebracht.

Alle Zweifel waren auf einen Schlag wie weggefegt. Ich war stolz. Stolz wie selten in meinem Leben. Und auch wenn ich mit meinen Antworten durch das “Bewerbungsgespräch” gerasselt bin, habe ich doch etwas ganz wichtiges gelernt:

Es kommt nicht darauf an, dass du millionen Umsätze machst, hunderte Mitarbeiter leitest, oder zig Filialen hast. Es geht darum, dass du das, was du machst, gerne und mit Leidenschaft tust und weißt, was dir im Leben wichtig ist und Was dich glücklich macht. Denn das ist es, was im Leben zählt.
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Ich bin Rosenkohlaussortiererin, Teilzeit-Dickkopf und Vollzeit-Freiberuflerin. Sport-Fan, Handy-Vernachlässigerin und Möchtegern-Hausinhaberin. Von süßen Katzenbabys und Wurst halte ich nicht viel, dafür umso mehr von digitalen Medien und Tonpulten.
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