Wie ein Schlüsselmoment mir die Augen für die Selbstständigkeit öffnete

Wie ein Schlüsselmoment mir die Augen für die Selbstständigkeit öffnete

Ein Rückblick wie alles begann.

Heute plaudere ich ein wenig aus dem Nähkästchen und erzähle dir, warum ich mich eigentlich selbstständig gemacht habe, wie ein Telefonanruf mein Leben veränderte und was das alles mit einem Schlüsselmoment zu tun hat.

Alles begann an einem sonnigen, sehr warmen Junitag im Jahr 2014. Ich saß im schnieken Outfit am Schreibtisch in einer Agentur in Karlsruhe. Sehnsüchtig wartete ich bereits seit Wochen auf meine Erlösung, die darin bestand, dass endlich die Urlaubszeit begann. Irgendwie war doch alles ganz anders, als ich mir das vorher vorgestellt hatte.

Nach meiner Festanstellung am Theater, einem wilden, abenteuerlichen Arbeitsleben fernab von Regelmäßigkeit, Freizeit, Wochenenden und Freunden, suchte ich mir ein Stück heile – und irgendwie auch normale – Welt in einem Beruf mit geregelten Arbeitszeiten, die so etwas wie ein Privatleben zuließ. So landete ich schließlich in einer Medienagentur als Jongleurin von Ton- und Videotechnik und als Social-Media-Akrobatin.

Und nun saß ich da. Am Schreibtisch, unglücklich, weil draußen das tollste Wetter ist, mit einem Projekt auf dem Tisch, das seit Wochen absolut keinen Spaß machte und mir eher vorkam wie eine Beschäftigungstherapie. Ich drehte meinen Bleistift auf dem Finger. Schon nach zwei Wochen Agenturleben dachte ich an eine Kündigung, aber was dann?

Plan B? Fehlanzeige

Einen Plan B gab es nicht. Schließlich bin ich davon ausgegangen, dass meine Entscheidung für dieses neue, geregelte Arbeitsleben genau das sein würde, was ich gesucht hatte. Mich unendlich zufrieden stellt und in dem ich voll und ganz aufgehen würde. Alles, was in mir aufging, war jedoch ein Samen namens Unmut, der sich irgendwann zu einer großen Pflanze mit zahlreichen Trieben entwickelte.

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keinen Plan, was folgen sollte. Geschweigedenn einen Plan B. Ich saß einfach Tag für Tag unglücklich an diesem Schreibtisch und versuchte krampfhaft, irgendwie meine acht Stunden zu überstehen. Was oft gar nicht so einfach war. Aber man wird schließlich mit der Zeit erfinderisch.

Youtube half mir, mich mit Filmmusik in eine andere Welt zu katapultieren, Onkel Google hatte auf jede Flause, die in meinem Kopf war, tausend verschiedene Antworten, mit Kollegen ließ es sich auch prima plaudern und ja, ein Highlight war tatsächlich, Akten abzuheften.

Das tat ich alles neben meinem eigentlichen Hauptgeschäft. Sprich, den kläglichen Versuch, mir reißende Pressemitteilungen über Kommunenhäksler, Streufahrzeuge und Baggerschaufeln aus den Fingern zu saugen, einer chaotischen Truppe von Verein bei ihrem Facebook-Auftritt zu helfen und die Telefondame für einkommende Anrufe zu spielen.

Ein Telefonat änderte alles

Meinen Bleistift drehte ich immer noch. Plötzlich klingelte mein Handy und riss mich mit voller Wucht aus meiner mühsam erbauten Traumwelt. Ja, ich weiß, Privatgespräche werden nicht gerne gesehen, aber ein bisschen Abwechslung schadet schließlich auch nicht. Oder? Ich ging ran.

Ein Kollege von früher, für den ich hin und wieder nebenberuflich als Tontechnikerin arbeitete, um mich finanziell über Wasser zu halten und ein wenig Abwechslung zu haben, rief mich sehr panisch an:

„Heute Mittag wird das Kinderstück aufgeführt, die beiden Kollegen sind nicht da!“
„Wie, nicht da?“
„Da ist was total schief gelaufen in der Planung. Jedenfalls ist keiner da, um das Stück zu betreuen!“
„Shit. Und jetzt?“
„Kannst du???“
„Ich? Ich sitze gefesselt in der Agentur und muss meine Zeit vertrödeln. Ich werde hier nicht einfach gehen können…“
„Das habe ich befürchtet. Dann muss ich heute einspringen.“
„Puh. Du hast das doch noch nicht einmal gesehen…?“
„Nein, sag mir bitte, was ich da machen muss.“

Ich konnte seine Panik verstehen. Und irgendwie bekam ich auch langsam Panik. Das war eine enorm heiße Nummer, bei der gewaltig schief gehen kann. Ruhig versuchte ich ihm das Textbuch aus dem Gedächtnis zu erklären. Was er wann tun sollte. Was die Gegebenheiten sind.

Da war er, mein Schlüsselmoment

Nach einem fast 40-minütigen-Telefonat, neugierig gespitzten Ohren von Kollegen, die mich verdutzt anschauten, worüber ich um alles in der Welt da redete und mehreren bösen Blicken meiner Chefs, hörte ich auf, mit dem Bleistift zu spielen.

Mir wurde schlagartig bewusst, dass dieser Schreibtisch (auch, wenn ich es schon längst irgendwie wusste) nicht meine Zukunft ist, dass diese Art von Job nicht zu mir passt und ich wohl viel mehr drauf hatte, als ich mir selbst und alle um mich herum zutrauten. Wie ich darauf kam? Der Kollege hatte zwanzig Jahre mehr Berufserfahrung als ich und rief mich an wegen eines Notfalls. Und nicht die Kollegen, die keine Zeit hatten.

Regungslos saß ich einige Minuten am Schreibtisch und glotzte auf meinen leeren Monitor. Hier stimmte hinten und vorne etwas nicht. Ich sollte da draußen sein, Tontechnikerin sein, Stücke betreuen, das machen, was ich kann und vor allem etwas Sinnvolles tun. Dort, wo ich wirklich gebraucht werde und meine Arbeit geschätzt wurde.

Ein SchlüsselMoment – Tausend Gedanken

Mir ging seit Monaten endlich ein Licht auf: Warum sind die Kollegen vor Ort eigentlich selbstständig und ich nicht? Jeder hat seine Stärken und Schwächen, aber sie trauen es sich zu, das zu können. Sie haben sich selbstständig gemacht und haben ausreichend Jobs, um davon zu leben. Warum sollte das nicht auch bei mir klappen?

Auch stellte ich fest, dass ich bereits den Beruf gefunden habe, der zu mir passt, nur die Art (Festanstellung) nicht die richtige für mich ist. Mir wurde klar, dass ich mehr erreichen kann und sich dieses „mehr“ für mich nur in Form der Selbstständigkeit finden lässt.

Viele Selbstständige berichten von diesem einen Schlüsselmoment, in dem ihnen klar wurde, dass sie sich selbstständig machen. Da war er, mein Schlüsselmoment. Auch, wenn ich zum damaligen Zeitpunkt nicht eine Sekunde an eine Vollzeit-Selbstständigkeit dachte, geschweigedenn darauf wartete, dass es irgendwann „Bing“ macht und mich dieser Moment erwischt.

Um es genau zu sagen: Ich wusste damals nicht mal, dass es sowas wie einen Schlüsselmoment als Auslöser geben kann. Schließlich hatte ich mich mit diesem Thema bisher nur in Form einer nebenberuflichen Selbstständigkeit beschäftigt. Also gerade so weit, dass alles rechtens war und ich nebenher ein wenig Geld verdienen konnte.

Und dann ging alles ganz schnell

Den restlichen Tag befragte ich Onkel Google nach einfach allem, was ich zum Thema „selbstständig machen“ wissen wollte (und das war auf einen Schlag verdammt viel). Ich entwickelte ein Konzept, machte mir seitenweise Notizen und plante fleißig meinen Ausbruch aus dem Schreibtisch-Gefängnis.

Nachdem ich so langsam einen Überblick und genug Gründe für die Selbstständigkeit auf Papier gesammelt hatte, telefonierte ich mit mehreren guten, vertrauten und ehrlichen Kollegen aus meinem angestrebten Business. Ich holte mir Meinungen ein, was sie von meiner Idee hielten, wie sie meine Chancen sahen und ließ mir Tipps geben.

Und ja, bevor ich überhaupt alles realisierte, hatte ich schon meine ersten Buchungen im Kalender stehen, die ersten Auftraggeber – die ich übrigens heute noch habe – und Telefonnummern in der Tasche, wo ich mich noch melden kann.

Mein Ausbruch und mein Neuanfang

Am 15. Juli 2014 glückte mit beidseitigem Einverständnis sehr problemlos mein Ausbruch aus der Agenturwelt. Meinen Resturlaub nutzte ich, um meinen Neuanfang vorzubereiten, meinen Gründungszuschuss zu beantragen und meine nebenberufliche Tätigkeit nach längerem Hin und Her in eine Vollzeit-Selbstständigkeit zu verwandeln.

Nach zweieinhalb Monaten Planung, Vorbereitung und Papierkrieg war alles geschafft. Am 01. Oktober 2014 war mein erster Tag als selbstständige Unternehmerin.

Wie war das als du dich selbstständig gemacht hast? Hattest du auch ein Schlüsselmoment? Oder wartest du noch auf den richtigen Moment, dich selbstständig zu machen?

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Frau Chefin
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Frau Chefin

Ich bin Rosenkohlaussortiererin, Teilzeit-Dickkopf und Vollzeit-Freiberuflerin. Sport-Fan, Handy-Vernachlässigerin und Möchtegern-Hausinhaberin. Von süßen Katzenbabys und Wurst halte ich nicht viel, dafür umso mehr von digitalen Medien und Tonpulten.
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7 Gedanken zu „Wie ein Schlüsselmoment mir die Augen für die Selbstständigkeit öffnete

  1. Caro sagt:

    Hey Isabelle,

    eine tolle Geschichte – schön, dass du für dich den richtigen Weg gefunden hast 🙂

    Ich habe meinen Mann mit 15 kennengelernt – zu dem Zeitpunkt war er schon seit 4 Jahren selbstständig und das unternehmerische Denken und Handeln ist mir in vielen Punkten peu à peu „angewachsen“.
    Dadurch, dass ich das direkt so mitbekommen habe, war die Angst davor deutlich geringer, schließlich hatte ich den ganzen Unternehmsaufbau miterlebt und ein Stück weit auch mit zu verantworten gehabt 😉

    Wer weiß, ob ich den Schritt wirklich gewagt hätte, wenn mein Mann nicht schon ein laufendes Unternehmen gehabt hätte, das uns den Lebensunterhalt sichert. Wahrscheinlich schon, aber es wäre sicher komplizierter geworden.

    Schöne Grüße,
    Caro

  2. Laura sagt:

    Hi,

    bei mir hatte auch nur ein kleiner Anstoß gefehlt. Die Idee mich selbst ständig zu machen hatte ich schon lange, aber ich war mir unsicher und habe mich nicht getraut.

    Den Anstoß ergab dann auch ein einzelnes Ereignis. Ich wollte nur einen 450€ Job bei meinem Mann in der Firma, damit ich mit 3 kleinen Kindern auch mal rauskomme und am Leben der Erwachsenen teilhaben kann. Nur Windeln wechseln und Kindergarten ist mir irgendwann zu wenig gewesen.

    Alles war mit der Abteilungsleitung abgesprochen, mein Mann reduzierte eine Stunden, damit die Möglichkeit für mich besteht, als Aushilfe zu arbeiten. Dann das Vorstellungsgespräch beim Teamleiter, bei dem ich nur dachte, es seine rein proforma. Und was passierte dann eine Absage. Unglaublich mein Mann arbeitet mit diesem Menschen fünf Jahre zusammen und dann sowas.

    Ich war sehr enttäuscht, denn aufgrund der Arbeitszeiten meines Mannes hatte ich keinen anderen Aushilfsjob oder sonstige Beschäftigung gefunden.

    Aber das war dann der Anstoß! Denn was hatte ich schon zu verlieren? Nichts, ich habe nur zu gewinnen. Aber das muss einem erstmal klar werden.

    Liebe Grüße
    Laura

    • Frau Chefin sagt:

      Was für eine Geschichte!

      Danke, dass du uns daran teilhaben lässt. Ich drücke dir auf jeden Fall ganz fest die Daumen, dass du mit deiner Selbstständigkeit voll durchstartest und irgendwann dem Chef deines Mannes innerlich die Zunge rausstrecken und „Ätsch!“ sagen kannst 😉

      Liebe Grüße
      Isabelle

  3. Eve sagt:

    Hi Isabelle,
    ich kann absolut nachempfinden, was du meinst. Bei mir war es ganz ähnlich. Ich war nach meinem Studium zwar Freiberuflerin, habe aber als feste Freie in einer Redaktion gearbeitet und war somit wie eine Angestellte tätig. Schließlich nahm ich eine Festanstellung als Redakteurin bei einem Magazin an. Was dann folgte, war die Hölle, die ich bereits nach einem Monat satt hatte und nach drei Monaten ohne Plan B verließ. Ich geriet in eine echte Lebenskrise, bis auch ich einen Schlüsselmoment hatte. So begann ich mit dem Bloggen, das ich nun nach nur neun Monaten schon nebenberuflich betreibe.
    Ich hoffe, dass ich mich auch bald ganz selbständig machen kann. Ich bin nämlich absolut der Typ dafür. 🙂

    Komm gut in die neue Woche
    Liebst
    Eve von http://www.eveblogazine.com

  4. Patrizia sagt:

    Bei mir kam die Idee zur Selbständigkeit nach dem Motto »Was lange währt wird endlich gut.« Und es brauchte einen Stein des Anstoßes.
    Bereits gegen Ende meiner Ausbildungszeit 2004 dachte ich über Selbstständigkeit nach, verwarf den Gedanken aber weil ich mich noch nicht reif dafür fühlte und mein Umfeld mir davon abriet.
    Ich ging studieren und mochte die Art des selbstbestimmten Arbeitens und dass man für sich selbst verantwortlich war. Auch kamen immer wieder Anfragen von Freunden, für die ich die ein oder andere Kreativaufgabe lösen oder die Formatierung der Hausarbeit mit Word bändigen sollte.
    Ich machte mich vorerst nebenbei als Mediengestalterin selbstständig, dachte aber nie ernsthaft darüber nach auch hauptberuflich dieser Tätigkeit nachzugehen. Dafür reagierte mein Umfeld nach wie vor sehr verhalten auf so ein Vorhaben. Heute weiß ich, dass es nicht daran lag, dass sie es mir nicht zutrauten sonders einfach daran, dass sie sich selbst überhaupt nicht vorstellen könnten selbstständig zu sein. Alles viel zu unsicher, nervenaufreibend und risikoreichen waren die Argumente, die mir entgegen gebracht wurden.
    Nach dem Ende des Studiums quälte ich mich mit der Jobsuche nach Festanstellungen, verbrachte aber viel lieber meine Zeit damit kleine Kreativprojekte umzusetzen und an meiner eigenen Homepage zu basteln.
    In dieser Phase der Unbestimmtheit lernte ich jemanden kennen, dessen Freundeskreis von Freiberuflern und Selbstständigen geprägt war. Er machte mir schließlich klar, dass ich nichts zu verlieren hätte, wenn ich es einfach mal versuchen würde. Außerdem wäre ich der Typ dazu, der für die Selbstständigkeit gemacht ist.
    Dieses positive Feedback war für mich der Schlüsselmoment, so dass ich 2013 den Schritt in die hauptberufliche Selbstständigkeit wagte. Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Und manchmal wünschte ich mir, ich hätte viel früher damit angefangen. Aber mutig sein braucht eben manchmal seine Zeit. 😉

    • Frau Chefin sagt:

      Hallo Patrizia,

      danke, dass du uns deine Geschichte erzählt hast 🙂
      Es ist wirklich verrückt, aber oft „hängt“ es tatsächlich an einem letzten Schubs Mut und diesen finden wir oftmals durch einen Schlüsselmoment. Sofern wir die gewonnene Energie nutzen und den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, ist das aber auch nicht weiter schlimm, finde ich 😉

      Liebe Grüße
      Isabelle

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