Sag mal, wie viel arbeitest du eigentlich?

„Sag mal, wie viel arbeitest du eigentlich?“

Eine Frage, die mir vor ein paar Tagen ein guter Bekannter stellte. Was ich schnell merkte: Als Selbstständige ist sie nicht so leicht zu beantworten. „Sag mal, wie viel arbeitest du eigentlich?“

Zufällig begegneten wir uns in der Stadt, als ich mal wieder von Termin zu Termin unterwegs war. Ihr kennt das ja. Man hält kurz an, tauscht sich über die wichtigsten Fakten zu Privat- und Berufsleben aus, jeder geht wieder seiner Wege und man vergisst recht schnell, worüber man eigentlich geredet hat. Dieses Mal war es anders.

Er klagte, dass im Büro so viel los war und er schon wieder Überstunden machen müsse und sage und schreibe letzte Woche 40 und vorletzte Woche 42 Stunden gearbeitet hätte. Wahrscheinlich habe ich an dieser Stelle mitleidig gelächelt, die Augen gerollt und einen Gesichtsausdruck gehabt, der das gleiche aussagte, wie „darüber wirst du lachen, wenn du erwachsen bist“.

Auf jeden Fall sah er mich etwas beleidigt an, als ob ich ihn überhaupt nicht ernst nehme und stellte mir im Gegenzug diese eine, scheinbar ganz einfache Frage, die mir seitdem im Kopf herum schwirrt:

„Sag mal, wie viel arbeitest du eigentlich?“

Eine sehr gute Frage. Ich wusste keine Antwort darauf. Was genau ist als Selbstständige Arbeit? Wann ist mein Arbeitstag eigentlich richtig zu Ende? Wenn ich mein Büro nicht mehr betrete? Wenn ich vom Job Zuhause bin? Wenn ich an nichts mehr denke, dass mit meiner Selbstständigkit zu tun hat?

Kaum Zuhause, setzte ich mich an den Schreibtisch und fing an, aufzuschreiben, welche Dinge für mich Arbeit sind. Zum Einen die Tätigkeiten, die zweifelsohne als Arbeit deklariert werden dürfen (alle Jobs, für die ich aus dem Haus muss). Zum Anderen die Tätigkeiten, die zwar Arbeit sind, ich aber gewöhnlich Zuhause nebenher erledige, ohne groß darüber nachzudenken.

Und das kam bei mir raus:

Meine Was-ist-Arbeit-Liste

Zweifelsohne als Arbeit zu deklarieren sind:
  • alle Jobs, für die ich aus dem Haus muss (Techniker-Jobs und Meetings)
  • alle Jobs, mit denen ich am Schreibtisch Geld verdiene (Aufträge für Homepages und Online Marketing)
Was nebenher erledigt wird, aber eigentlich auch Arbeit ist:
  • Buchhaltung (lästig, muss aber gemacht werden)
  • Steuer (ich mache vieles selbst)
  • E-Mails schreiben und beantworten
  • Marketing (z.B. neue Visitenkarten entwerfen, die Homepage aktualisieren, Social Media etc.)
  • Akquise betreiben
  • Angebote, Rechnungen und ja, auch mal Zahlungserinnerungen schreiben
Worüber man sich gerne streiten darf, ob das auch Arbeit ist, aber eigentlich zum Business gehört:
  • Fahrzeit zum Job und zurück
  • Unterlagen sortieren und in mein Ablagesystem ordnen
  • Zukunftspläne für mein Business schmieden: Was sind die nächsten Schritte? Wo will ich hin? Was kann ich verbessern?
  • Netzwerken und Netzwerktreffen besuchen
  • Ideen für Frau Chefin sammeln und umsetzen

Was ich während der Anfertigung meiner Liste feststellte:

Und dann wurde es spannend!

Ich habe eine Woche lang Buch geführt, wieviel Zeit ich für welche Tätigkeiten aufgewendet habe. Dazu habe ich mir bewusst eine durchschnittliche Arbeitswoche ausgesucht, mit fünf Arbeitstagen, die ich außer Haus verbringe und so einer Arbeitswoche eines Arbeitsnehmers nahe kommt. Und das kam dabei raus:

Tätigkeiten Stunden
Fahrzeiten 5,5
Jobs außer Haus 46
Jobs am Schreibtisch 2
Bürokram im Homeoffice 6
Marketing für Fräulein i. 2
Zukunftsplanung Fräulein i. 1
Arbeit an Frau Chefin 7
Gesamt 69,5

Zugegeben, ich war und bin geschockt. Das war nur eine durchschnittliche Arbeitswoche. Selbst wenn ich großzügig alle Posten streiche und nur die Jobs und den Bürokram rechne, komme ich immer noch auf 54 Stunden. Puh.

Und da bin ich beim nächsten Punkt:

Eigentlich müsste ich total gestresst sein. Aber ich bin es nicht.
Eigentlich müsste ich jammern, dass meine Freizeit unter meiner Arbeit leidet. Sie tut es aber nicht.
Eigentlich müsste mein Freund sich beschweren, dass ich so viel arbeite. Er tut es aber nicht. Warum?

Ganz einfach: Weil mir meine Arbeit Spaß macht und ich stolz bin, selbstständig zu sein.

Die Frage, die bleibt: Wieviel ist zu viel?

Ist zu viel, wenn ich erst nachts um 1 ins Bett gehe? Ist zu viel, wenn ich nichts mehr anderes mache? Ist zu viel, wenn ich bereits mehr als 40 Stunden arbeite? Oder ist bereits zu viel, wenn ich mehr Geld verdiene, als ich zum Leben brauche?

Ich habe für mich entschieden, dass ‚zu viel‘ ist, wenn meine Beziehung darunter leidet, ich keine Freizeit mehr habe, ich selbst alles als zu viel empfinde, oder mein Freund als mein ‚persönliches Frühwarnsystem‘ die Reißleine zieht.

Übrigens: Nachdem ich meine Wochenstunden ausgerechnet hatte, habe ich meinen Bekannten angerufen und freudig mitgeteilt, dass ich nun eine Antwort auf seine Frage wisse. Er hat gelacht, dass ich mir darüber Gedanken machte und sagte nur: „Ok, dann darf ich mich bei Überstunden wohl nie mehr beschweren.“

Ich kann dir nur zu Herzen legen, dir ebenfalls darüber Gedanken zu machen und dich selbst zu fragen: „Sag mal, wie viel arbeitest du eigentlich?“. Ich bin mir sicher, du wirst überrascht sein. Ach ja, sollte ich einen wichtigen Punkt in meiner Liste vergessen haben, gib mir bitte sofort Bescheid 🙂

Frau Chefin
Folge mir:

Frau Chefin

Ich bin Rosenkohlaussortiererin, Teilzeit-Dickkopf und Vollzeit-Freiberuflerin. Sport-Fan, Handy-Vernachlässigerin und Möchtegern-Hausinhaberin. Von süßen Katzenbabys und Wurst halte ich nicht viel, dafür umso mehr von digitalen Medien und Tonpulten.
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13 Gedanken zu „„Sag mal, wie viel arbeitest du eigentlich?“

  1. eaudecollage > blog sagt:

    Hallo Isabelle,

    Danke für diesen tollen Artikel! Deine WAS IST ARBEIT-Liste finde ich super und müßte ich auch mal machen. Ich bin DIY-Bloggerin, Illustratorin, Onlineshop-Inhaberin und arbeite gefühlte 48 Stunden am Tag…hab die Selbständigkeit trotzdem immer nur ganz kurz bereut. 😉

    Ganz liebe Grüße aus Köln,
    Finna

  2. Kristin sagt:

    Oh je. Das ist schon viel. Aber toll, dass es sich nicht wie Arbeit anfühlt und Spaß macht.
    Ich habe gerade erst losgelegt und bin noch gar nicht richtig selbständig und dennoch bin ich auch fast nonstop am „Arbeiten“. Aber es ist so viel besser wenn man für sich und seine eigenen Träume losgeht als wenn man für einen anderen Menschen oder Firma die Träume verwirklicht.
    Ab und zu hab ich schon ein schlechtes Gewissen meinem Liebsten gegenüber, aber zum Glück hat er viel Verständnis <3
    Ich mag deine Blog sehr!
    Liebe Grüße,
    Kristin

    • Frau Chefin sagt:

      Hallo Kristin,

      da muss der Mann einfach durch 😉 Und gerade am Anfang ist sooo viel zu tun, da arbeitet man einfach unglaublich viel. Irgendwann relativiert sich das ein wenig, sofern man das möchte. Bei meiner Stundenzahl könnte man wohl auch noch etwas schrauben, damit das auf ein Normalmaß sinkt. Aber für mcih ist das erstmal ok, so wie es ist.

      Freue mich, wieder von dir zu lesen!
      Isabelle

  3. Eve sagt:

    Ich kann dir da nur zustimmen! Ich habe in meinem letzten Festangestellten-Job bis zu 60 Stunden in der Woche gearbeitet und fand es wirklich unerträglich. Ich bin in nur drei Monaten auf 150 Überstunden gekommen. Abgesehen davon, dass die Überstunden selbstverständlich nicht bezahlt wurden und es auch keinen Freizeitausgleich gab, war die Stimmung im Büro wegen mangelnder Wertschätzung für den großen Einsatz, den alle geleistet haben, unter aller Kanone.

    Das war für mich der Punkt, an dem ich begriffen hatte, dass ich nur selbständig sein kann. Jetzt arbeite ich genauso viel oder teilweise mehr als damals und ich fühle mich nicht annähernd so wie damals. Obwohl ich momentan noch viel weniger Geld habe, bin ich viel glücklicher. Es ist die Freiheit, die Dinge selbst zu entscheiden, die einen so glücklich macht, glaube ich.

    Lieben Gruß
    Eve von http://www.eveblogazine.com

  4. Pia sagt:

    Ich denke, es ist auch immer ein großer Unterschied, ob man dese Zeit für sein eigenes Unternehmen aufbringt oder für einen Chef. Bei der eigenen Selbständigkeit versteht man oft viel besser, weshalb manche Dinge einfach getan werden müssen und sie wirken sich viel direkter auf unser Leben auf. Unsere Existenz hängt ja davon ab, ob die Geschäfte laufen. Sind wir hingegen in einem Job, in dem wir vielleicht eh unzufrieden sind, neigen wir eben dazu, Dienst nach Vorschrift zu machen.

  5. Svenja sagt:

    Wie es so schön heißt: Wenn du deine Arbeit liebst, wirst du nie wieder Arbeiten müssen!
    Der Satz trifft bei dir wohl recht gut zu. Ich denke die meisten Arbeiter sind so gestresst, weil sie der Job nicht erfüllt. Sie zwingen sich 40 stunden die woche zu etwas, was sie eigenltich gar nicht wollen und wenn jetzt noch 1, 2 oder sogar 3 Stunden dazu kommen läuft das Fass der Akzeptanz langsam über.

    LG Svenja

    • Frau Chefin sagt:

      Liebe Svenja,

      diesen Eindruck habe ich auch. Die Akzeptanz für Überstunden fehlt, wenn der Job keinen Spaß macht. Ich habe nicht selten 12 Stunden Tage und habe trotzdem nicht das Gefühl, überarbeitet oder total gestresst zu sein. Alles eine Frage der Einstellung 😉

      Viele Grüße
      Isabelle

  6. Verena sagt:

    Hallo,
    interessanter Blog Eintrag! Ich finde halt man kann Selbstständigkeit nicht mit normaler Vollzeitanstellung vergleichen. Ich verstehe deinen Bekannten. Es ist trotzdem etwas anderes ob man für jemand anderen oder für sich selbst arbeitet.

    Ich verwende diese App für meine Aufzeichnungen (kostet mich ein paar Sekunden pro Tag): https://www.hourstimetracking.com/ Ich mach es rein aus Interesse und bin immer wieder erstaunt was so an Stunden zusammen kommt 🙂

    • Frau Chefin sagt:

      Hallo Verena,

      danke für deinen Kommentar. Es ist auch gut, wenn du meinen Bekannten verstehen kannst, darüber wird er sich bestimmt sehr freuen 😉 Trotzdem finde ich, dass man ein Angestelltenverhältnis und eine Selbstständigkeit zumindest in sofern vergleichen kann, dass Arbeit Arbeitszeit bedeutet. Unabhängig davon, ob man dabei Spaß hat, diese Arbeit für sich selbst oder jemand anderes macht, festangestellt ist, oder viele Aufgaben alleine bewältigen muss.

      Viele Grüße und schönen 1. Mai!
      Isabelle

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